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Ja mei, die Wahrheit...
Den ersten „modernen Krimalroman“ möchte →Kollege Ludger Menke im Auftrag wissbegieriger Leser eruieren – und der Haken ist natürlich dieses „modern“. Wie bestimmt man nun diese Zeitenwende, diesen Punkt, an dem etwas Etabliertes obsolet, etwas Neues aktuell wurde? Geht das überhaupt? Na, versuchen wir’s mal mit einer geistigen Stampede über die Steppen der Literaturgeschichte – und traben am Ende erschöpft auf die Weide zurück.
Modern also. Was könnte der „neue Kriminalroman“ abgelöst haben? Nehmen wir an, es habe sich um die „Verbrechensliteratur“ gehandelt, von Pitavalia (die true crimes der Altvorderen) bis Schiller, Stücke also, denen wir einen aufklärischen, moralischen Impetus unterschieben wollen. An die Stelle dieses Genres trat ein anderes, auf Psychologie fixiertes, das unter dem Einfluss der Romantik stand. ETA Hoffmann als Stichwort. Dann kam Poe, der Liebhaber der deutschen Romantik und brachte den Positivismus mit: Die Psyche als Betätigungsfeld von Induktion und Deduktion, Logik also, das dunkle Land in uns lässt sich verstandesmäßig erhellen.
Die Poe’schen Ansätze wurden nun von zwei Strömungen aufgenommen: einer trivial-kommerziellen (wichtig: das Aufkommen von Zeitschriften) und einer weiterhin auf die Psyche konzentrierten. Letztere hatte übrigens durchaus eine Tradition in Deutschland, siehe Holteis „Schwarzwaldau“, siehe, zum Ende des Jahrhunderts, Wildenbruchs „Das wandernde Licht“, aber, schön, eine löchrige, obskure, nicht wirklich wahrgenommene Tradition. Eine andere, noch obskurere, war die, das Triviale mit dem Politisch-Gesellschaftlichen zu verbinden, Stichwort: Temme, Steckfuß, Bäuerle et al, Opfer der Reaktion auf die 48er Erhebungen. Auch hier: Verläuft im Sande.
Denn das Triviale setzt sich durch: Garboriau, später, viel einflussreicher: Conan Doyle. Er stellt die Weichen für das Triviale, für das „Golden Age“ der englischen Ladies, er herrscht bis heute im großen Reich des Whodunit und der allwissenden Ermittler.
Paradigmenwechsel in / aus den USA: Hammett, „Rote Ernte“, Aufhebung der Dichotomie von Gut und Böse.
Also: Der moderne Roman beginnt mit Doyles „Studie in Scharlachrot“ oder / und Hammetts „Rote Ernte“, vielleicht aber auch schon früher – aber jetzt wird’s verwirrend und überhaupt: Wenn wir dieses Stichwortartige ausarbeiten, mit Fleisch behängen würden, unsere ganze schöne Chrono-Logik geriete ins Wanken. Auch hier nur Stichworte: Die Psychologie ist keine Erfindung der Romantik. Man nehme sich etwa Karl Philipp Moritz’ „Magazin zur Seelenerfahrungskunde“ vor, wo der Zusammenhang Verbrechen / psychische Störung evident ist, spätes 18. Jahrhundert also, man kann noch weiter zurückgehen, durchaus. Außerdem: Schon Friedrich „Marketing“ Schiller verstand sich aufs Triviale. Das wiederum in den Räuber- und Schauergeschichten des späten 18. Jahrhunderts höchst präsent war, Stichwort „Rinaldo Rinaldi“, aber auch in der Hochliteratur von Jean Paul „Unsichtbarer Loge“ über Goethes „Erlkönig“ bis Schillers „Geisterseher“. Und das Aufklärerisch / Moralische ist ja keineswegs aus der Kriminalliteratur verschwunden, ganz im Gegenteil. Es wird heutzutage moralisiert, bis die Schwarte kracht.
Ja, ja, schon gut. Also punktum: Vielleicht gibt es keinen modernen Kriminalroman. Soll ich fies sein und hinzufügen: ...keinen modernen Kriminalroman MEHR? Vielleicht gibt es aber auch viele, vielleicht gibt es überhaupt keine Moderne im Krimi, weil, bei genauerem Hinsehen, alles schon mal da war? Vielleicht heißt "modern": Es kommt auf den Leser an. Je avancierter dessen Beschäftigung mit Kriminalliteratur, desto überraschender die Funde auch dort, wo das dezidiert Unmoderne zu walten scheint (Ich denke jetzt, um das Chaos komplett zu machen, wieder an Poe, aber nicht an die üblich verdächtigen Stückchen von ihm). Wäre nun ein ganz anderer Ansatz, könnte aber auch eine Sackgasse sein. Ich weiß es nicht. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber es macht Spaß, sich darüber Gedanken gemacht zu haben. Und jetz is abba gutt.
dpr
7. November 2006
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