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Bestenliste-Diskussion: eine kommentierte Zusammenfassung

Elf kommentierende, debattierende, sich streitende, behauptende und widerlegende Menschen: das ist für Krimiblogverhältnisse fast ein Massenauflauf. Der Anlass war vergleichsweise harmlos. In Ermangelung geeigneter polemischer Bereitschaft habe ich die Krimiwelt-Bestenliste wohlwollend betrachtet und mir erlaubt, →einen kleinen Vorschlag zu unterbreiten. KEINE Polemik also. Aber ein Versuch, polemisches Potential freizulegen. Ist das gelungen? Fassen wir kurz zusammen.

Mein Vorschlag war bescheiden: Liebe Bestenlisten-Macher, stellt doch auf eurer Internetseite ein wenig mehr die Realität von Krimikritik dar, veröffentlicht auch die eine oder andere Gegenmeinung. Begründet nicht nur, WARUM es ein Titel auf die Liste geschafft hat, lasst auch Juroren zu Worte kommen, die darlegen, warum es dieser Titel ihrer Meinung nach NICHT auf die Liste hätte schaffen sollen.

Die darauf einsetzende Diskussion entwickelte sich nun in einer erwarteten, so oder so ähnlich auf diesem Blog auch schon früher zu besichtigenden Weise. Ludger Menke und Joachim Feldmann brachten ihre Argumente für einen „Streit um die ästhetische Sache“, weiteten also meinen Vorschlag, der ein bloßes Nebeneinander von Pro und Contra vorsieht, aus. Was nun die Erfolgsaussichten einer solchen Ausweitung anbetrifft, blieben Ludger und Joachim pessimistisch: „Aber leider ist ernsthafte Krimi-Kritik noch immer eine Sache weniger.“ (Joachim Feldmann) – „Wer sich in diversen Foren und Blogs umschaut, wer einfach mal seine Bekannten und Freunde fragt, wird schnell merken, wie wenig Bereitschaft es bei den Lesern gibt, sich ernsthaft, tiefgründig, analysierend mit Kriminalromanen auseinander zu setzen. Gerade mit Kriminalliteratur. Das ist Konsum, das ist Spannung, das ist Spaß. Nothing more.” (Ludger Menke)

Hier erreichte die Diskussion einen ersten Wendepunkt. In den Blick geriet die nicht zu leugnende Tatsache, dass man als Freund des auch beim Krimilesen kritischen Denkens in einem mickrigen Paralleluniversum am Rande der Hauptgalaxis lebt, wo sich weit über 90 % der Krimikonsumenten bei wohligem Gruseln und kamingemütlicher Rätselei eingerichtet haben. Eine schiere Tatsache. Diesen Geschmack erreichen weder ernsthafte Kritiker noch Bestenlisten noch Blogs. Sie folgen ihm nicht, sie trachten nicht danach, ihn „zu verändern“. Dass es manchmal doch gelingt, einen Bewohner der Mehrheitswelt ins Parterre der öffentlichen Aufmerksamkeit zu locken, mag schön sein, bleibt aber Ausnahme.

Krimi ist ein Genre, also, nach unserem aktuellen Verständnis von „Genre“, die Gesamtheit der belletristischen Bücher, die sich mit Kriminalfällen beschäftigen. Der Blick des Wissenschaftlers ist selten der Blick des Lesers, dazu ist das Genre naturgemäß auch zu heterogen. Darauf hebt Dr. Rutger Booß, grafit-Verleger, in seinem Kommentar ab: „Die akademischen Kritiker beschäftigen sich gern mit solchen Kriterien wie "Intertextualität" oder "Welthaltigkeit", was wiederum den gemeinen Leser weitaus weniger interesssiert als ein überraschender Plot, den wiederum der Literaturwissenschaftler nicht interessiert.“

Das formuliert ein Grundproblem der Beschäftigung mit Kriminalliteratur. Den einen ist es fürchterlich egal, wie ein Text literarisch funktioniert, den anderen, wie er seine überwiegend aus der Tradition des Trivialen hervorgegangenen Genrepflichten erfüllt. Dass sich beides für die wirklich erhellende Beschäftigung mit Kriminalliteratur eigentlich nicht trennen lässt, halte ich für die Grundhypothese einer gedeihlichen kritischen Zukunft, Krimis betreffend. Sie wartet noch nicht am Horizont, sie wird uns nicht aus den Hörsälen und Seminarräumen entgegenschreiten, sie wird sich aus Pionierleistungen Einzelner entwickeln, die viel von Missionarischem haben werden.

An diesem Punkt war die Diskussion etwas vom eigentlichen Thema abgedriftet und ins Übergeordnete, Theorische geraten. Dies änderte sich mit dem Beitrag von Andreas Ammer:

„als mitglied der jury kann ich das erstaunen, was da so manchmal auf unserer "krimiwelt-bestenliste" steht, nur zu gut verstehen. da geht es mir nicht anders. (...) wir machen trotzdem weiter und wundern uns über uns selbst.“

Eine sympathische Haltung, gewiss, Einsicht in das Willkürliche von Statistik, die meinen ursprünglichen Vorschlag, genau dieses Erstaunen zu thematisieren, zwar nicht aufnimmt, seine potentielle Notwendigkeit aber auch nicht negiert.

Mit Sylvia Staude meldete sich gleich darauf ein zweites Jurymitglied zu Wort und führte uns zurück zum leidigen Thema „Wir leben am Rande der Krimigesellschaft“: „welchen Krimileser (und ich habe in meinem Bekanntenkreis viele) interessiert es wirklich, den Krimi als Kunstform wahrzunehmen? Einen verschwindend geringen Prozentsatz, würde ich nach zahlreichen Krimi-Gesprächen sagen.“

Man kann dem nichts anderes entgegenhalten als die bereits geäußerte Hoffnung, die Betrachter der „Kunstform Kriminalroman“ mögen sich aus ihren Elfenbeintürmen begeben und das Phänomen "Kriminalroman" als ein nicht von seiner trivialen Hauptwurzel zu trennendes wahrnehmen. Noch tun das zu wenige, noch bricht über manchem guten Ansatz das Gerüst literaturwissenschaftlicher Begrifflichkeiten ächzend zusammen. Und traut euch was. Ehrt die heiligen Kühe dort, wo man sie ehren muss, schlachtet sie dort, wo sie es verdienen.

Damit nun hätte die Diskussion um die Bestenliste vorbei sein können. Man hat darüber nachgedacht, man hat die Statements gehört, ein kleiner Vorschlag immerhin – stellt doch pro Monat wenigstens einen Titel vor, der es NICHT auf die Liste geschafft hat – wurde allgemein begrüßt. Die Liste an sich wurde nicht in Frage gestellt, Polemik kam nur am Rande vor, einen interessanten Ansatz lieferte Bernd, der feststellte:

„Sicherlich führt die Liste dazu, dass manches Schätzchen gehoben wird. Aber so eine Liste birgt natürlich auch die Gefahr, dass sich der Focus der öffentlichen Wahrnehmung nur noch auf die Gelisteten richtet und die Breite verloren geht.“

Was nun etwas mit der eigentlichen Funktion der Liste zu tun hat, zu der ich abschließend komme, doch vorher krachte es tatsächlich einmal richtig. Gabriele Gordon, unter ihrem Mädchennamen Wolff als Krimiautorin bekannt, berichtete von dem Tag, an dem die Bestenliste für sie „sowohl ihre Unschuld als auch ihre Relevanz verloren“ hat. Ein Mitglied jener Liste habe ihr (und sechs weiteren AutorInnen) unverblümt mitgeteilt, "Das wäre doch gelacht, wenn wir den Autor A nicht abschießen und den Autor B auf Platz 1 setzen können!".

Ein erheblicher Vorwurf. Mauscheleien, geheime Strategien... Das steht nun im Raum, kann nicht verifiziert werden, wandert als Gerücht, dann als Tatsache durch die Wahrnehmungsgeschichte der Liste – was schade ist. Konkrete Fakta täten not, Namen, Reden und Gegenreden der Beteiligten.

Zu guterletzt meldete sich auch der Initiator und „Vorsitzende“ der Liste, Tobias Gohlis ausführlich zu Wort. Er pries meinen Beitrag als „ungemein ausgewogen, geradezu salomonisch“ (ein Lob, das einem geborenen Polemiker wehtun muss, der sardonische Gohlis weiß das...) , nur meine Formulierung von der Liste als „reinem Image- und Werbeinstrument“ gefiel ihm offensichtlich nicht, dabei war gerade dies positiv gemeint. Die Bestenliste kommt durch ihre schiere Existenz dem „Image“ des Kriminalromans zugute, weil sie ihn ernstnimmt. Sie wirbt für ihn, sie will gute Bücher in die Hände zahlender Leser legen, wenngleich – auch das weiß Tobias Gohlis – die Macht des Kritikers eine beschränkte ist, zumal dort, wo die Registrierkassen klingeln. MEHR aber als das, als Image- und Werbeinstrument wird die Liste in ihrem gegenwärtigen Zustand nicht sein können. Vielleicht sollte sie das auch nicht. Vielleicht ist meine Vorstellung blauäugig, sie könne sich ein Stück weit der Wirklichkeit von Literaturkritik oder dem, was wir „Geschmack“ nennen und was in seiner nicht fassbaren Vielwertigkeit jede Diskussion um Kriterien abwürgt, nähern.

Nein, polemisch war diese Diskussion nicht. Sie lässt Fragen offen. Ganz konkrete nach Namen und Umständen (Frau Gordon), sehr allgemein-theoretische nach der Macht des Kritikers, der Zukunft der kritischen Analyse und, siehe Bernds Anmerkung, nach der unerwünschten Nebenwirkung einer Lichtquelle, die ohne Schatten nicht auskommen kann und automatisch Verlierer produziert. Man wird also weiter darüber reden. Das nächste Mal etwas polemischer?

dpr

20. Dezember 2006

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