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Cindy Dyson: Unalaska

Schon wieder ein Buch, bei dem einem, mephistophelisch lächelnd, Gretchen über die Schulter guckt und ihre gemeine Frage stellt: Wie hältst du’s mit dem Genre, Rezensent? Das Genre, liebes Gretchen (antwortet der Rezensent), nimmt auch dieses Buch noch auf, Cindy Dysons „Unalaska“, es wird (irgendwie) gemordet und (irgendwie) aufgeklärt. Das Wichtigste aber: ein wirklich gutes Buch.

Brandy, Anfang 30, weiß nicht, was auf sie zukommt, als sie ihrem derzeitigen Lover, einem Fischer, auf die Alëuteninsel Unalaska folgt. Sie ist flatterhaft, kindheitstraumatisiert, rastlos und denkt, wie man so sagt, mit dem Unterleib. Unalaska immerhin ist etwas anderes als der amerikanische Rest. Eine Insel am Rande der bewohnten Welt, Eingeborene und auswärtige Fischer, sehr rauh, sehr direkt. Brandy nimmt einen Job in der Bar „Elbow Room“ an, die noch rauher, noch direkter ist. Sie lernt die Menschen kennen: von ihren Männern geschlagene Frauen, Trinkerinnen, schwule Barkeeper, patente Wirtinnen. Sie hat viel Zeit, denn ihr Freund Thad ist auf See. Sie langweilt sich, sie liest ungeheure Botschaften aus an Klowände gekritzelten Wörtern: „Mörderhände“. Mörderhände?

Aber das Buch breitet seine Handlung nicht nur aus der Sicht der Ich-Erzählerin aus. Wir lernen die Geschichte der Alëuten in eingestreuten Kapiteln kennen, von 1751 bis in die Jetztzeit, von der gewaltsamen Inbesitznahme durch die Russen bis zur traurigen Gegenwart unter amerikanischer Flagge. Diese Geschichte wird ebenfalls in Geschichten erzählt, die von Frauen handeln, die, weil ihre Männer im Kampf sind oder vom Alkohol außer Gefecht gesetzt, selbst die Dinge in die Hand nehmen müssen, um ihre Kinder ernähren zu können. Sie brechen Tabus. Eine Frau darf nicht jagen, sagen die Stammesgesetze, aber die Frauen jagen heimlich. Sie schleichen in die Höhlen mit den Mumien der verstorbenen Jäger, schneiden sich Leichenfett ab, schmieren sich damit ein, essen davon, werden Jägerinnen. Später jagen sie nicht nur Wale; sie jagen auch Menschen. Alle, die sie und ihre Nachkommenschaft bedrohen. Die Frauen werden zu Mörderinnen. Und je weiter wir uns der Jetztzeit nähern, desto klarer wird: Es hat nie aufgehört. Die Frauen brechen weiterhin die Tabus, das Ungeheuerliche vererbt sich von Müttern auf Töchter.

Brandy kommt der Sache auf die Spur, sie ist eine Geistesverwandte. Auch sie von Männern im Stich gelassen, auch sie enorm unter ihren Verhältnissen lebend. Als sie schließlich das Geheimnis der Frauen von Unalaska kennt, muss sie von der Insel flüchten – und trägt doch die Botschaft in sich.

Diese Botschaft, zugegeben, ist das einzig Grobe an diesem für ein Debüt erstaunlich gut geschriebenen und komponierten Roman. Wenn die Männer versagen, müssen die Frauen eben für Recht und Ordnung und Nahrung sorgen, das Leben in die eigene Hand nehmen. Als Leser verkraftet man das aber; die Figur der Brandy ist plastisch genug, die Beschreibung ihrer Existenz in einer extremen Umwelt gelungen. Für Krimileser sicherlich gewöhnungsbedürftig Dysons etwas andere Interpretation dessen, was man „Suspense“ nennt oder „Aufklärung“. Sie vertraut der Dramaturgie eines großen historischen Bogens und zieht ihn stabil über die Jahrhunderte. Die Frage, was man darf und was nicht, wieviel ein Menschenleben wert ist, wenn seine Auslöschung viele andere rettet, ist keine philosophische, sondern eine pragmatische. Eine der Fragen, die man in Situationen höchster Not ohne Nachzudenken beantwortet.

dpr

Cindy Dyson: Unalaska. Bloomsburg Berlin 2006 (Original: „And she was“ 2005, deutsch von Barbara Schaden). 349 Seiten. 22,90 €

21. Dezember 2006

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