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Neujahrsansprache des Bundeskriminalpräsidenten
Liebe Mitleserinnen, liebe Mitleser. Das alte Krimijahr geht zu Ende, das neue steht vor der Tür. Wir wollen nicht zurückschauen, also schauen wir nach vorne. Was erwarten wir? Was soll besser werden am deutschen Krimi? Das Deutsch natürlich!
Deutsch, das wissen wir alle, ist die Sprache unserer Dichter. Ist die Sprache von Goethe und Grass, von Schiller und Shakespeare, von Raabe und Rudolph. Aber hätte etwa Goethe einen Serienkiller wirklich Serienkiller genannt? Hätte er nicht stattdessen Reihentöter geschrieben? Schiller, um ein anderes Beispiel zu nennen, war ein Meister des Sex & Crime, aber bei ihm hieß es Fortpflanzung & Rechtsbruch. Bei Grass finden wir keinen plot – wohl aber den der guten deutschen Regel der Konsonantendopplung geschuldeten Plott. Und so weiter. Ich frage Sie: Muss das alles sein? Ist Gänsehäuter nicht treffender als Thriller, ein Seelengänsehäuter nicht vielsagender als ein Psychothriller?
Das mag Ihnen, liebe Mitleserinnen und Mitleser, jetzt so vorkommen wie Erbsenzählerei. Vieles jedoch, was wir in verständlicher Liebe zum angloamerikanischen Kriminalroman übernommen haben, wurde bedenkenlos übernommen, etwa der Ausdruck „suspense“. Er stammt ursprünglich aus dem Französischen und ist aus „sous“ (unter) und „penser“ (denken) entstanden, bedeutet somit „unterdenken“, ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt, wo man etwas überdenkt. „Über“ jedoch heißt auf Französisch „sur“, aber von einem „surpense“ hat man noch nie gehört, was uns zu denken geben sollte.
Ein weiteres Anliegen liegt mir schwer auf dem Herzen. Warum, so frage ich, handelt der deutsche Kriminalroman ausschließlich von Mord? Warum nicht auch einmal, sagen wir, von einem Eierdiebstahl? Könnte nicht auch ein solches Sujet unter den Händen einer Meisterin, eines Meisters zu abgründiger Literatur gerinnen, zu einem Gänsehäuter ohne Reihentöter und Fortpflanzung? Und am Ende löst sich alles in didaktischem Wohlgefallen auf. Das Ei wurde gar nicht gestohlen, es wurde einfach nicht gelegt. Und das Huhn, aus berechtigter Sorge um seinen Arbeitsplatz, hat seine Legeinkompetenz verschwiegen. Es könnte dann Herr Kurt Beck, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, als Kommissar auftreten und das Schlusswort sprechen: „Wasch und rasier dich, Huhn, dann findest du auch Arbeit.“
Man hat, wie nachzulesen war, dies als den Ausdruck eines erschreckend schlichten und bornierten Gemütes aufgenommen, doch steckt in dieser Aufforderung nicht vielmehr ein fruchtbarer und universeller Gedanke? Wascht und rasiert euch, ihr Kriminalautorinnen und Kriminalautoren, sinnbildlich natürlich nur, schrubbt allen Dreck von der Sprache, seift sie ein und entfernt die Borsten mit dem Rasiermesser eures gesunden Menschenverstandes. Dann nämlich, und nur dann, wird alles wieder gut.
Immerhin, es regt sich auch Hoffnung am Horizont. Frau Astrid Paprotta etwa wird unser Herz mit einem Feuerkrimi erwärmen, für den der heimische Kamin als idealer Leseort wie prädestiniert scheint. Und Herr Friedrich Ani verspricht uns fürs spätere Frühjahr den ersten Band seiner neuen Kriminalromanreihe „Der Seher“. Endlich also jemand, der nicht nur fernsieht, sondern auch in sich hinein und aus sich heraus. Wichtige volksbildnerische Werke und dennoch spannende Werhatsgetans mit Seitenwendereffekt und vielen Klippenhängern. Das sind ermutigende Einzelfälle, liebe Mitleserinnen und Mitleser, und es liegt an Ihnen, das gute Beispiel zu belohnen.
Nichts täte ich lieber, als Ihnen zum Jahresende 2007 gegenüber zu sitzen, vor einem fast leeren Blatt Papier, auf dem nur dieser ehrliche Satz stehen würde: „Zum deutschen Krimi fällt mir nichts mehr ein, drum wünsche ich ein gutes neues Jahr und gehe jetzt nach Hause. In diesem Sinne, Ihr Bundeskriminalpräsident“
dpr
29. Dezember 2006
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