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Okay, streiten wir uns

KrimiWelt-Bestenliste – pro und contra. So lautete der Arbeitstitel eines für das neue Krimijahrbuch geplanten Beitrags, in dem sich Tobias Gohlis, Initiator der Liste, und N.N. über Sinn und Unsinn des Projektes austauschen sollten. Den Beitrag aber wird es nicht geben; zwei potentielle Contra-Autoren haben, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, abgesagt. Und selbst die Rolle des teuflischen Advokaten zu übernehmen, dazu bin ich nicht der richtige Mann. Ich mag die Liste nämlich. Aber.

Eine Liste ist eine Liste. Ein Kompromiss, 17 Meinungen zu einer zusammengefasst und die 17 individuellen Listen dürften wohl mitunter dramatisch anders bestückt sein als die eine, die publik gemachte. Das ist Statistik, das ist in Ordnung, das ist eben Hitparade.

Natürlich gefällt mir nicht alles, was Monat für Monat auf die Liste kommt. Muss auch nicht. Die siebzehn Juroren machen sie kaum, um mir den Tag zu retten. Dass mich manches ärgert, versteht sich also von selbst. Spitzenplatz für Ani? Wo ist Laura Lippman mit ihrem famosen „Gefährliche Engel“? Wo Pentti Kirstilä? Und so weiter. Und erst die Dezember-Liste. Auf Rang 1 Richard Rayners „Das dunkle Herz der Wüste“: ganz passabel, aber so versatzstückartig wie vorhersehbar. Profiarbeit, darf mal an den unteren Rängen schnuppern, aber Rang 1? – Rang 2: Thomas Kastura, „Der vierte Mörder“. Gewiss auch Profiarbeit, man darf aber nicht so genau hingucken. Versatzstückartig, vorhersehbar auch hier alles, die Kunst des perspektivischen Erzählens ist noch nicht bis nach Köln gekommen, wird aber angewandt, erzeugt außer Gähnen nichts, sorry.

Ich gebe zu: Hätten es beide Titel nicht auf die Spitzenplätze der Liste geschafft, ich hätte kein Wort darüber verloren, sie vielleicht noch nicht einmal gelesen. Und das ist mit das Beste an der Liste: Man liest Bücher und streitet sich über sie, die man ansonsten nicht gelesen, über die man nicht gestritten hätte.

Das könnte das Beste sein, denn man muss es sofort relativieren und darauf hinweisen, aus welchen Gründen die Liste ins Leben gerufen wurde. Ein Wegweiser durch den Krimidschungel soll sie sein, Spreu vom Weizen trennen, zeigen: Guck, es gibt den seriösen Kriminalroman als Teil der Literatur, man kann ihn bewerten, er ist nicht bloß Geschmackssache, billiges Zeug. Man will kleinere Verlage, von Conte über Shayol bis Zebu, aus dem Nichtvorhandensein in die Buchläden holen, denn dort hängt die Bestenliste als ein memento und wispert „Probiers doch mal mit uns“, während es von den Wühltischen „Kauf mich!“ schreit. Sie ist also: Werbemittel, PR-Instrument, durchaus wichtiges Indiz für die Emanzipation eines lange genug der Ignoranz preisgegebenen Genres. Das ist schön, das ist ehrenwert. – Und nicht genug.

Besucht man die Internetseite der Bestenliste, gelangt man per Klick auch zu den Begründungen der jeweiligen Wahl. Man liest lauter Lobpreisungen, versteht sich, denn der gute Eindruck darf nicht getrübt, das Publikum, hat man es erst einmal in den Fängen, durch Diskurs nicht verstört werden. Der allerdings wäre notwendig, um zu zeigen, dass der Kriminalroman Objekt einer Streitkultur ist (ich mag das Wort eigentlich nicht; Esskultur, neulich gar Häkelkultur; nu, lassen wir es trotzdem dabei) und die Liste eben nur statistischer common sense. Es gibt keine „zehn besten Krimis“, es gibt aber unterschiedliche Meinungen zu Ani, zu Horst, zu Kastura, zu fast allen. Warum also nicht auch „Gegenstimmen“ zu Wort kommen lassen? Warum nicht zeigen, dass Literaturkritik nicht Bestandteil einer exakten Wissenschaft ist (nicht sein kann), dass aber Kriterien der Kritik durchaus existieren und nur im Diskurs wirklich in all ihrer Widersprüchlichkeit dingfest zu machen sind?

Schön; man kann sich die ganze große Welt der gegensätzlichen Ansichten ergoogeln. Sich, als normaler Krimileser, dem die Besprechungsexemplare nicht kostenlos ins Haus wehen, fragen, wie es denn möglich sei, dass A und B in ihren Meinungen so weit auseinanderdriften. Nur: Wer tut das, wer hat die Zeit, es zu tun?

Die KrimiWelt-Bestenliste nicht als ein jeden letzten Samstag im Monat zu bestaunendes Produkt, ecken- und kantenlos, sondern als ein durchaus labiles, als Kompromiss erkennbares Konstrukt: das wäre, vielleicht, der erste Schritt weg vom reinen Image- und Werbeinstrument, hinein in die Wirklichkeit der widerstreitenden Erklärmodelle, die, hätte man sie auch räumlich ganz dicht beieinander, eine Diskussion über das Grundsätzliche von Kritik anregen könnten. Nicht nur die Begründungen, warum dieser oder jener Roman es verdient hat, auf die Liste zu kommen. Auch die Begründungen, die dagegen sprechen. Ich gebe zu, dass ich mir selbst, da ich das schreibe, eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen muss. Würde ein solches Vorzeigen der Gegenstimmen die Liste nicht diskreditieren? Allzu viel Wirklichkeit schadet bekanntlich dem guten Zweck, irritiert --- ja, genau: irritiert. Vielleicht ist es genau das, was mich am Ende doch überzeugt: Um jemanden aufzuwecken, muss man ihn irritieren, und aufwecken sollte man so manche, die sich notorisch in den Federn wohlfeiler Klischees und Ansichten räkeln.

Die Bestenliste gibt es nun seit fast zwei Jahren. Sie hat sich, trotz allem, bewährt, ist eine Institution geworden, doch wie jede andere Institution schwebt sie in der latenten Gefahr, träge zu werden, zu erstarren. Und trotzdem: EINE Bestenliste ist mir immer noch lieber als KEINE Bestenliste. Am liebsten wäre mir allerdings eine, die sich bewegt, bevor sie endgültig auf einem Podest und damit in der totalen Erstarrung landet.

dpr

12. Dezember 2006

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