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Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern

Im vorgeblichen Dunkel der Geschichte des deutschsprachigen Kriminalromans blitzen zwei Werke aus schweizer Federn: Friedrich Glausers „Wachtmeister Studer“ (auch als „Schlumpf Erwin Mord“ bekannt) aus dem Jahr 1935 und „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt, 1950. Wüssten wir es nicht besser, wüssten vor allem nicht, dass die Leerstellen vor und zwischen diesen Marksteinen keine wirklichen Leerstellen sind, sondern einzig und allein der jahrzehntelangen betrieblichen Blindheit der Forschung geschuldetes Übersehen, dann also könnten wir uns den Spaß erlauben, neben die beiden Menhire, die da aus kriminalliterarischem Flachland wachsen, einen dritten eidgenössischen zu stellen: Carl Albert Looslis „Die Schattmattbauern“ von 1932.

Looslis Buch beginnt, wie ein „guter“ Kriminalroman zu beginnen hat: Wir betreten die kleine Gemeinde Habligen im Unteremmental, einen wohlhabend-wohlhäbigen Ort. Es ist Sommer, die Trockenheit macht zu schaffen, man wartet auf den Regen, der endlich kommt, jauchzend, tanzend und saufend begrüßt wird, aber, als er wieder vorbei ist, die Katastrophe zurückgelassen hat: Der Bauer Rees Rösti vom Schattmatt-Hof liegt hinterm Gehöft, den Kopf von einer Schrotladung entstellt.

Spuren werden aufgenommen und ausgewertet, Indizien gesammelt, mögliche Zeugen befragt. Nicht lange dauert es, bis der Schwiegersohn des Toten, Fritz Grädel, in Verdacht gerät, hat ihm doch der Rösti-Rees zu Lebzeiten manch bösen Streich gespielt. Nein, die Beweislast ist erdrückend, Grädel, der seine Unschuld beteuert, wird in Untersuchungshaft genommen.

Herkömmliche Eröffnung also, die aber den erfahrenen Leser von Kriminalliteratur leicht verwirrt zurücklässt. Er nämlich ahnt längst, dass der böseste Streich des Rösti-Rees eben sein eigener Tod ist, ein geschickt als Mord verpackter Selbstmord, um den verhassten Schwiegersohn nun wirklich ein für allemal „schachmatt“ zu setzen. Die untersuchenden Amtspersonen jedoch ignorieren die Zeichen. Nicht dass sie dem Grädel Böses wollten, ganz im Gegenteil. Aber sie tun nur ihre Pflicht, sind sorgfältig und genau, nichts kann man ihnen vorwerfen – leider auch nicht jenes gewisse Quäntchen Intuition, das die Wahrheit jenseits des behördlich Vorstellbaren enthüllen könnte.

Und genau darum geht es. Loosli zeichnet keineswegs das Bild einer engstirnigen ländlichen Gemeinde und ihrer ebenso engstirnigen Einwohner, da brodelt nicht das Böse unter der Oberfläche, giften nicht Habgier und Kleingeist. Habligen ist normal, Habligen macht einen netten Eindruck, Habligen hat keine Leichen im Keller, keine Wackersteine auf der Seele. Das Recht, das gesprochen ist, ist also auch das „normale“ Recht, man macht es sich nicht leicht, man wägt ab, man ist dem Inhaftierten wohlgesonnen, man gebraucht Recht und Gerechtigkeit als zwei Wörter für eine Sache.

Als wir dem Grädel nach seiner Verhaftung wieder begegnen, sind etliche Monate Erzählzeit und 80 Seiten Text vergangen, die die Geschichte der Schattmattbauern und besonders die des Rees Rösti zusammenfassen. Ein rachsüchtiger Mensch war der, ungesellig, unbeliebt, von der einzigen Frau, die er geliebt hat, schnöde abgewiesen, auch Dragoner durfte er, der die Pferde doch so mochte und mit ihnen umzugehen verstand, nicht werden. Und jetzt heiratet sein einziges Kind ausgerechnet den Sohn der Frau, die ihm einen Korb gegeben hat, und bei den Dragonern ist er obendrein.

Wir erfahren also die Motivlage des Rösti und dann treffen wir Fritz Grädel wieder, er sitzt in Untersuchungshaft und ist ein anderer Mensch geworden, einer, der nicht mehr an das Recht, der nicht mehr an Gott glaubt, ein gebrochener Mensch ist. Das Gerichtsverfahren beginnt, noch einmal wird rekapituliert, werden Plädoyers gehalten, obsiegt – ja, was eigentlich? – die Gerechtigkeit, der Grädel Fritz wird mangels Beweisen freigesprochen, geradezu abwesend war er den ganzen Prozess über und nimmt das Urteil entgegen, als ginge es ihn nichts an.

Das Ende ist nun wieder der „Krimikonvention“ geschuldet. Siebenundzwanzig Jahre nach dem Mord enthüllt ein Brief die ganze Wahrheit, eine Wahrheit, die der Leser schon längst weiß und sich fragt, warum nicht auch die Vertreter von Recht und Ordnung darauf gekommen sind.

Carl Albert Loosli, der „Die Schattmattbauern“ wohl vor allem deshalb geschrieben hat, weil er sich von einem Kriminalroman dringend benötigte Einnahmen erhoffte (eine Hoffnung, die nicht in Erfüllung ging, dazu weicht der Roman doch zu sehr von den Lesererwartungen ab), beschreibt uns hier drei Sphären von erschütternder Harmonie und Pflichterfüllung: das tägliche Leben in Habligen, das Rechtssystem, das sich bewährt und solide über dieses Leben wölbt und das nun dieses Rechtssystem noch einmal Überschattende des christlichen Glaubens. Und siehe: Alle drei Sphären sind klapprige Konstrukte, scheuklapprige, könnte man präzisieren, versteinerte, völlig unbewegliche Systeme, die den Einzelnen, dessen Welt durcheinander geraten ist, nicht mehr vor sich selbst und seinen Zweifeln schützen können.

Loosli, selbst in Erziehungs- und Jugendstrafanstalten gewesen, später u.a. als Gerichtsreporter tätig, beschreibt eine Welt aus festen Burgen, die sofort ins Wanken geraten, wenn auch nur ein Lüftchen etwas heftiger weht als normal und die Menschen aus ihrer Selbstverankerung reißt, bis sie irgendwo im Wahnsinn verschwinden wie Fritz Grädel, der aus seiner Depression nicht mehr herauskommt, zwölf Jahre in der Psychiatrie dahindämmert und stirbt. Ob sich Loosli dabei, wie es ein Zitat von Edgar Marsch aus dem Vorwort der Neuausgabe nahelegt, als „erster kritischer Rezipient der englischen detective story“ erweist, indem das „überlieferte Regelwerk der Gattung (...) einer kritischen Überprüfung“ unterwerfe, bedarf einer genaueren Analyse als sie hier stattfinden kann. Sicher aber dürfte sein, dass Loosli mit den „Schattmattbauern“ einen wichtigen Beitrag zur Geschichte einer „neuen“ Kriminalliteratur geliefert hat, die das Labile der Verhältnisse beschreibt, die Notdürftigkeit ihrer Existenz, die Leichtigkeit, mit der ein Verbrechen alles zum Einsturz bringen kann. Nicht zuletzt Friedrich Glauser wird dies, wenngleich anders, weil formal enger am „Krimischema“, einige Jahre später wieder aufgreifen und die „fürchterliche Normalität“ nicht nur der Schweiz aufzeichnen und endgültig in die Kriminalliteraturgeschichte schreiben.

dpr

Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern. Rotpunktverlag 2006 (= Band 3 (Kriminalliteratur) der siebenbändigen Werkausgabe, hrg. von Fredi Lerch und Erwin Marti). 418 Seiten. 31 €

[der vorbildlich editierte Band enthält neben den „Schattmattbauern“ noch drei kürzere Kriminalerzählungen, „Die Geisterphotographie. Eine Detektivgeschichte nach Conan Doyle“, (bei Loosli heißt der Held „Harlock Shelmes“), „Der verlassene Stuhl“, „Sunnemüli-Benzes Burdi“ in schweizer Dialekt sowie das Fragment „Zweierlei Kaliber“]

11. Januar 2007

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