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David Morell: Creepers

Jeder, der mal ein abbruchreifes Haus erkundet hat oder durch eine verlassene Fabrik gestromert ist, weiß um den Reiz dieser vorwiegend verbotenen Aktivitäten. Wer derlei Exkursionen öfters und gerne innerhalb einer Gruppe unternimmt, darf sich „urban explorer“, „Infiltrator“ oder „Creeper“ nennen.
Wie eben jene Clique ehemaliger Studenten, geschart um einen freigeistigen Professor, die eines Tages – oder besser Nachts – den Journalisten Frank Balenger mit auf eine ihrer Erkundungstouren nimmt. Mitten hinein ins „Paragon Hotel“, welches einem Maya-Tempel nachempfunden wurde, geplant und erschaffen von einem genial-verrückten Misanthropen und Agoraphobiker. Der Mikrokosmos als Welt. Nach außen ein feudales Hotel, im Inneren ein Labyrinth voller Geheimgänge, doppelter Böden und Gucklöcher, die des Voyeurs Auge und Herz vielfältig befriedigen.
Der Roman spielt in einer einzigen Nacht zwischen 21 und 4 Uhr, eine Nacht, die die Mehrheit der Protagonisten nicht überleben, der Rest nicht vergessen wird. Zumindest letzteres ein Schicksal, das dem Leser erspart bleibt. Aber der Reihe nach…
Zunächst baut Morrell in seinem wenig kunstvoll, aber durchaus effizient geschriebenen – gut, einige ausmalende Passagen sonnen sich zu sehr im zwielichtigen Glanz ihrer selbst - Thriller durchaus geschickt Spannung auf, lenkt das Augenmerk des Lesers eher in Richtung Mystery und Horror (dreibeinige Katzen, mutierte Ratten, unheimliche Schatten und Bewegungen im dunklen Brackwasser des Hotelpools), lässt diese Motive aber sinn- und ergebnislos zugunsten einer wüsten Gangster- und Serienmörderkolportage verpuffen. Je weiter der Text und die Creepers voranschreiten, desto mehr ergibt sich die größte Spannung aus den wechselnden Motivationen und Beziehungen innerhalb des Romanpersonals.
Denn neben der sechsköpfigen Creepers-Truppe arbeiten sich noch ein seltsames Gangstertrio, ein durchgeknallter Killer und sein letztes potentielles Opfer durch die verrotteten Gänge des Paragon-Hotels. Teilweise geht es zu wie im Taubenschlag, und manch einer mag sich fragen, warum diese Mischung aus Abenteuerland und Tierpension überhaupt geschlossen wurde, denn selbst verbarrikadiert ist in diesem Hotel mehr los als in einer Drei-Sterne Feriensiedlung zur Hochsaison. So arbeitet, kämpft und killt es sich durch knapp 420 Seiten, gefällig, nicht übermäßig brutal, Fast Food Literatur par excellence. In Maßen und zum richtigen Zeitpunkt genossen durchaus schmackhaft, tendiert der Nähr- und Erinnerungswert freilich gegen Null.
Mark Twain hat den ganzen Roman eigentlich schon vor mehr als einem Jahrhundert in einem Kapitel seines „Tom Sawyer“ abgehandelt. (Kurze Erinnerung: baufällige Hütte, Schatzsuche, Dachboden, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Indianer Joe und eine morsche Leiter. Meisterwerk halt.). Verglichen mit weiteren Klassikern des phantastischen Romans, sei es Edgar Allan Poe, Ambrose Bierce oder Algernon Blackwood, und ihrer Fähigkeit aus der Beschreibung sinistrer Räume Stimmung und Emotionen entstehen zu lassen, verblasst Morrell doch fast bis zur Unsichtbarkeit. Wenn die Klassiker gerade nicht greifbar sind, zwischen Tür und Angel oder hinten im Bus, dann kann einem John Rambos Schöpfer durchaus die Zeit bis zur übernächsten Haltestelle vertreiben. Aber es besteht keine Gefahr, vor atemloser Spannung die Endstation zu verpassen.
Jochen König
David Morell: Creepers. Droemer/Knaur 2006. 432 Seiten. 7,95 €
12. Januar 2007
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