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Ohne Worte
Eigentlich erzählt „Schrei nicht so laut“ von John Harvey eine Geschichte, wie man sie schon oft gelesen hat. Ein Polizist, der jetzt im Ruhestand vor sich hin lebt, schleppt einen Fall mit sich herum, den er zu seinen aktiven Zeiten nicht hat aufklären können. Ein Mädchen ist verschwunden und nicht mehr aufgetaucht, weder tot noch lebendig. Der Polizist rollt nun den Fall wieder auf.
Das kennen wir alles, das ist nicht originell. Also warum das Ganze noch einmal, Mister Harvey? Was machen Sie anders als die anderen? Da ich mitten im Buch stecke, spare ich mir die Antwort für die Rezension. Eine Sache allerdings vorab, weil sie darauf verweist, dass Harvey tatsächlich etwas anders, besser macht.
Frank Elder hat sich von der Polizeiarbeit nach Cornwall zurückgezogen, wo er spazieren geht, liest, nachdenkt. Seine Ehe ist in die Brüche gegangen, zur sechzehnjährigen Tochter Kate hat er noch Kontakt, sie kommt gerade zu Besuch. Elder leidet unter einem Albtraum: Katzen, die über ihn herfallen, ein Bett mit einer Mädchenleiche, die den Arm nach ihm ausstreckt. Ein Mann, den Elder in Verdacht hatte, das Mädchen Susan ermordet zu haben, wird nach 13 Jahren zur Bewährung aus dem Gefängnis entlassen, in dem er wegen des Mordes an einem anderen Mädchen inhaftiert war.
Das sind die Fakten. Eine Tochter im Alter der Verschwundenen, ein Albtraum, ein möglicher Täter. Gute Gründe, sich noch einmal in die Abgründe des Falles zu begeben, aber bei Harvey geschieht dies ohne eine Wort der Erklärung. Als Leser ist man zunächst verblüfft, wie übergangslos Elder aus den Reminiszenzen an den Fall in die Gegenwart springt. Nichts wird wörtervergeudend erklärt, Elders innerer Zustand bleibt Elders innerer Zustand, wir müssen ihn aus den wenigen Nachrichten ableiten, die uns der Autor von den äußeren Ereignissen zukommen lässt. Der Protagonist, den wir auf den nächsten 400 Seiten begleiten, ist also nicht mehr nur das Geschöpf seines Autors, er ist zu einem Gutteil auch das unsrige.
Wäre noch anzumerken, dass Harvey seine Worte mit Bedacht setzt, selten liest man Dialoge von solch feiner Ökonomie, kein Wort zuviel, keines zuwenig. Dass der Roman dennoch als 450-Seiter daherkommt, ist kein Indiz für Verfettung. Mindertalentierte Autoren hätten uns die Geschichte wohl auf 650 Seiten verformt. Und viel weniger zu sagen gehabt.
dpr
17. Januar 2007
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