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Grenz- und andere Fälle
Spannende Zeiten brechen an, wenn ich mir so anschaue, was in den nächsten Wochen an rezensierbarem Material meiner harrt. Halte ich das verflossene Krimijahr, was seine deutschsprachigen Erzeugnisse anbetrifft, ja für, milde ausgedrückt, eher durchwachsen, verspricht uns das laufende mehr Produkte über dem grauen Durchschnitt. Liegt auch daran, dass einige der Cracks im vergangenen Jahr pausierten, in dieser Saison aber wieder da sind. Bernhard Jaumann zum Beispiel.
Dessen „Die Drachen von Montesecco“ schließt an „Die Vipern von Montesecco“ an und scheint, soviel nach 120 Seiten, das Niveau zu halten. Etwas, das ich nach 60 Seiten „Doppelte Schuld“ leider auch von Anne Chaplet sagen muss, die aber wahrscheinlich um einen Verriss herumkommt, weil ich nicht zweimal hintereinander die Messer wetze. Sollte sich der Wind wider Erwarten drehen, wird das aber sofort gemeldet.
Eine Überraschung ist das Debüt von Christian Gude, „Mosquito“. Im Großen und Ganzen gelungen, zukünftige Potenzen erkennbar, aber das Lektorat des Gmeiner Verlags gehört abgewatscht, und das nicht zu knapp. Dazu dann Ausführlicheres in der Rezension.
Und soeben auf meinem Schreibtisch gelandet: "Aussortiert" von Titus Keller, ein Pseudonym, hinter dem sich, wie uns der Klappentext verrät, ein "bekannter deutscher Schriftsteller" verbirgt. "Daß er schreiben kann, hat er mit vielen Büchern bewiesen", heißt es weiter, und dann beweist man es uns mit einem Zitat noch einmal: "Herrgott, wie schön sie war. So strahlend anmutig. Selbst in dem beigefarbenen Hosenanzug." Jo, so schreiben hierzulande nur die Besten!
Auf die Novitäten von Paprotta, Eckert, Ani und Konsorten warten wir mit einiger Spannung. Sie werden selbstverständlich gnadenlos am internationalen Standard gemessen – und da haben die Herrschaften Ausländer schon beeindruckend vorgelegt. „Die sechste Laterne“ von Pablo De Santis etwa ist so ein Buch, das ausführliche Betrachtung verdient und die alte Frage nach den Grenzen des Genres erneut aufwirft. Very strange auch Michael Grubers „Das Totenfeld“, ein Buch, das man am liebsten in die Ecke pfeffern würde – nachdem man eine ehrerbietige Verbeugung vor ihm gemacht hat.
Lassen sich bereits „Trends“ erkennen? Nun, die Vergangenheit hält Deutschlands SchreiberInnen fest im Griff. Sie tauchen nicht nur ein in die Geschichte (Susanne Gogas „Tod in Blau“ pars pro toto), sie reflektieren sie auch aus der Sicht des Gegenwärtigen (Chaplet stochert im Stasisumpf, Gude beschwört die Bombennacht von 1944 über Darmstadt herauf). Hier setzt sich fort, was schon vor einigen Jahren begonnen hat (Elisabeth Herrmanns „Kindermädchen“ ist noch in bester Erinnerung; ist auch von ihr in diesem Jahr etwas Neues zu erwarten?) und ja nicht verwerflich ist, aber auch Indiz für die Flucht der AutorInnen vor dem Elend der Jetztzeit sein könnte. Das werden wir, wie alles andere, im Auge behalten.
dpr
23. Februar 2007
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