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Kapitel II

wickius_forts_cover.jpg

Was bisher geschah: Nicht viel. Wickius, der bekannte Krimikenner und Exkommissar, inzwischen zum Krimiblogger heruntergekommen, lebt in platonischer Wohngemeinschaft mit der Polizistin Anna Beller, Mitglied der Mordkommission, die das Platonische leider nicht sehr genau nimmt und daher Wickius an die Wäsche will, die sie schließlich auch wäscht, denn natürlich hat sie den Gestrandeten nur bei sich aufgenommen, um von seinen enormen Kenntnissen der Kriminalliteratur zu profitieren. Mitten in einer sehr verfänglichen Situation (die Beller steht nackt vor Wickius, an dem sich gewisse Muskeln selbständig zu machen drohen) klingt das Bellersche Handy. Ein neuer Mordfall. Und ein besonderer: Der berüchtigte Krimiblogger „Der Unfehlbare“ ist gemeuchelt worden, die Beller muss sofort zum Tatort. Wickius wartet auf ihre Rückkehr, er ist verdammt müde, aber er will nicht einschlafen. (Lesen Sie →hier das vollständige, literarisch prima gelungene 1. Kapitel und →hier den Beginn der ebenso geheimen wie reichlich frechen wie literarisch bedenklichen Aufzeichnungen der Anna Beller.)

Um nicht einzunicken, hatte sich Wickius eingenickt, sein Kopf pendelte zwischen Brustbein und Genickstarre, eine Erinnerung an den Vater, den alten Hauptwachtmeister Wickius, lange schon tot, mein Junge, hatte der immer zu erzählen angehoben, so haben wir das damals in Stalingrad gemacht, da durften wir nicht einschlafen, wegen dem Russen an sich, da haben wir uns einen Topf mit Schnee vors Gesicht gehalten und dann genickt, die Fresse in den Schnee, rausgezogen, Kopf zurück, wieder runter, wieder reingenickt, so erzählte es der Alte unzählige Male, dann starb er und Wickius atmete auf.

Es ging auch ohne Schnee. Wickius blieb wach und dachte an seine privaten Schlachten mit der Beller, wenn sie ihn in sogenannte „Diskussionen“ hineinzog, über den beschränkten Horizont von Krimilesern etwa, diesen Genrejunkies. Er saß dann da und nickte, stundenlang. Während die Beller ihre Argumente ausarbeitete, sich dabei die Fußnägel lackierte, eine Form der chemischen Kriegsführung, die nur noch von der Verwendung eines Parfüms namens „Fahrenheit“ übertroffen wurde, nach dem die Kommissarin zuverlässig roch, wenn sie von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Ihr Assistent benutze das – auch diese Nachricht nickte Wickius ab, fragte sich jedoch, wie das Parfüm vom Assistenten auf die Kommissarin gelangen konnte, das roch doch förmlich nach erotischen Handgreiflichkeiten, nach triebgesteuerten Intimitäten. Die Situation, nicht das Parfüm. Das roch nach ranzigem griechischen Hirtenkäse.

Es war schon kurz nach Mitternacht. Wickius hatte Spaghetti mit Thunfischsoße gekocht, jetzt hörte er, wie ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt und darin herumgedreht wurde (etwas anderes als letzteres hätte ihn auch höchlichst verwundert), also beendete er das Einnicken, schlurfte in die Küche, das Essen aufzuwärmen. Die Beller, müde und blaß, warf ihm einen dankbaren Blick zu, als sie die Küche betrat.

Während sie aßen, begann Anna Beller zu erzählen. Ja, es handele sich bei dem Toten unbezweifelbar um besagten Krimiblogger „Der Unfehlbare“, man habe nämlich Visitenkarten bei ihm gefunden, da stand das drauf.

„Er hat, weißt du, in so einer umgebauten Fleischfabrik gewohnt, so was Loftähnliches, sagt man doch, gelt? Ungemütlich. Unaufgeräumt. Staubig, schimmlig, dreckig, männlich eben. Ein Teil von der Wohnung war noch von der Fleischfabrik übriggeblieben, so ein Kühlraum, ziemlich groß, wie die Küche hier ungefähr, funktionstüchtig, da hat der seine Pizzen aufbewahrt, 398 Stück. Dort haben wir ihn gefunden. Aber frag nicht wie.“

Natürlich wusste Wickius, dass er nun fragen musste, wie man den Unfehlbaren gefunden habe. Er tat es und die Beller, Spaghetti zutzelnd, antwortete:

„In einem Schneemann.“

Das sei doch wohl ein Witz, entgegnete Wickius und dachte an seinen Vater und Stalingrad und das Einnicken und den Schneetopf, aber die Beller schüttelte resolut das Kriminalistinnenhaupt und fuhr fort:

„Ein Schneemann aus Kunstschnee. Ne Mohrrübe als Nase, einen Löffelbisquit als Mund, nen alten Zylinder auf, und wenn die Augen des Schneemanns nicht die Originalaugen des Unfehlbaren gewesen wären, seine Freundin hätte nie gemerkt, dass in dem Schneemann die Leiche ihres Liebsten steckte.“

„Der Unfehlbare hatte eine Freundin?“

Wickius war ehrlich überrascht. Für gewöhnlich hatten Krimiblogger keine Freundinnen, sie lagerten ihre sexuellen Bedürfnisse vertikal ins Genre aus, das unterschied sie von gewöhnlichen Krimirezensenten, die gnadenlos herumhurten, als stünde das Goldene Zeitalter der Enthaltsamkeit unmittelbar bevor.

„So ne kleine Rothaarige, sommersprossig, Manuela Pinutzki heißt die, verdammt jung noch, keine 18. Ja, die hat dem Schneemann ein bisschen was aus dem Kopf gekratzt, das rechte Auge, um genau zu sein, der Unfehlbare hing aber noch dran.“

Wickius stand auf, füllte den Teller der Beller ein zweites Mal, desgleichen des eignen. Der Schneemann ging ihm nicht aus dem Sinn, das hatte doch schon...

Die Beller grub ihre Gabel gierig in die heillos ineinander verschlungenen Teigwaren und fuhr mit vollem Munde und daher nur für erfahrene Beller-Zuhörer wie Wickius verständlich fort:

„Muss man sich mal vorstellen: Schneemann aus Kunstschnee! Da braucht doch einer eine Schneekanone oder wie die heißen, woher hat er die, wie kriegt er die in so einen Loft und wieder raus? Aber über das ganze Technische wissen wir ja noch gar nix, wir nehmen an, der Mörder hat den Unfehlbaren betäubt und dann – ich weiß ja auch nicht – irgendwie so, so... zugeschneit. Georgio soll das mal recherchieren.“

Georgio. Der Assistent. Der Mann mit dem Parfüm. Wickius schnaufte verächtlich bei dem Gedanken an diesen nachgemachten Polizisten, einen gelernten Literaturwissenschaftler, der im Rahmen der vom Arbeitsamt gestarteten Förderinitiative „Von der Leseratte zum Bullen“ umgeschult worden war, wie man das damals nannte. Wenn der einen Bericht schrieb, brauchte man einen Germanistikprofessor, um ihn zu interpretieren. Wickius schnaufte noch einmal und wandte sich dann wieder der spaghettikauenden Beller zu, diesem – er musste es zugeben – irgendwie Pracht- und Vollweib, das sich zwischen Bürohengsten der höheren Chargen und lüsternen akademischen Parfümbestäubern wie Parmesan zerreiben lassen musste. Genau, richtig, Mist: Er hatte vergessen, die Spaghetti mit Parmesan anzurichten. Die Beller sprach munter weiter.

„Die Wohnung, wie gesagt, völlig chaotisch und verdreckt. Aber ich hab natürlich sofort gesehen, dass jemand sie durchsucht hat.“

Wickius fragte nicht, wie sie das habe sehen können, er glaubte ihr. Der Rechner.

„Was ist mit dem Rechner?“, fragte er.

„Weg. Dort wo er mal stand, gibt es jetzt den einzigen halbwegs sauberen Fleck in der ganzen Wohnung. Desgleichen null CDS oder Disketten, alles verschwunden. Bis auf...“ Die Beller grinste nicht ohne Triumph und Wickius, der dieses Grinsen kannte und hasste, machte sich ganz klein über seinem Teller.

„Bis auf...?“, fragte er artig.

„Auf der Fensterbank stand so eine Pappkiste und auf der stand: ‚Geheime Unterlagen, wichtig, bitte nicht stehlen’. Und tatsächlich: Der- oder diejenige, der oder die die Wohnung durchsucht hat – und wohl auch als Mörder resp. Mörderin – scheiß Genderdeutsch – in Frage kommt, hat sich dran gehalten und die Pappkiste ignoriert. Die Jungs von der Spurensicherung natürlich auch. Sind zwei Stunden mit Argusaugen durch die Wohnung, nein, kein Stück Papier, kein Dokument sei dort mehr zu finden, aber ICH habs natürlich gleich gesehen, ich hab ja meinen Poe gelesen.“

„Der stibitzte Brief“, detaillierte Wickius, genau, das hatte er der Beller einmal erzählt, denn ihren Poe hatte sie mitnichten gelesen, der war ihr zu unsexy und saufen tat er obendrein.

„Aha. Und in dieser Kiste...fand sich...“

„...eine höchst merkwürdige Liste“, ergänzte die Beller und zog ein zweimal gefaltetes Blatt Papier, Vorder- und Rückseite bedruckt, aus ihrem Handtäschchen. Wickius streckte die Hand danach aus, die Beller zog das Blatt neckisch zurück und sagte:

„Erst, wenn du mir Näheres über diesen Unfehlbaren erzählt hast. Was war das denn so für einer?“

Der Unfehlbare? Eine Legende der Krimibloggerszene. Lange nicht so schmierig wie dieser Hamburger, lange nicht so gelehrt wie der Münchner, lange nicht so mit Pfälzer Spezialitäten fehlernährt wie dieser Berliner, lange nicht so bottiniphob wie dieser Karlsruher, lange nicht so halbseiden wie diese Wiesbadenerin, und erst recht lange nicht so hemmungslos brillant wie dieser Saarländer, den sie nicht umsonst „das Jahrtausendereignis“ nannten und wie eine Ikone anbeteten. Nein, der Unfehlbare war von allem ein bisschen und unfehlbar nur, weil er ein geradezu erschreckendes Talent besaß, das Privatleben deutscher Kriminalschaffender unfehlbar auszuspionieren, kein Mensch wusste, wie er das machte.

Dadurch wurde er zum Quotenkönig der Szene, versteht sich. Die Menschheit ist in erster Linie dumm und sensationsgeil und erst in zweiter Linie dumm und krimiinteressiert. Was kümmerten Herrn Greti und Frau Spleti die Intertextualität im Werk von X.Y., wenn man ihnen erzählte, ausgerechnet dieser X.Y., als Krimimoralist bekannt und geschätzt, betreibe nebenberuflich ein Bordell mit zwangsprostituierten Neuseeländerinnen und niedlichen Australian Shepherds. Oder Jan Seghers sei wieder einmal von Fahrrad gefallen. Oder Anne Chaplet vertrage überhaupt keinen Rotwein, brüste sich aber, etwas von Weinen zu verstehen. Oder Norbert Horst, angeblich mal Polizist gewesen, schieße selbst mit einer Schrotflinte an einem Scheunentor vorbei, das nicht einmal fünf Meter...und so weiter. Der letzte Skandal, den der Unfehlbare einem ebenso entzückten wie schockierten Publikum serviert hatte, betraf die Frankfurter Krimischaffende Paprotta, die sich in ihrem neuen Roman nicht entblödet hatte, ständig Brecht zu zitieren, gegenüber Freunden aber offen zugab, lieber Hugo von Hofmannsthal zu lesen oder wie der heißt. Solche Geschichten halt aus den privaten Abgründen der schreibenden Idole. Das machte den Unfehlbaren unter diesen nicht gerade beliebt, es hatte wohl auch schon Drohbriefe gegeben, Paketbomben und Säureattentate, alle irgendwie im letzten Augenblick vereitelt. Jetzt war wohl endlich ein Anschlag gelungen.

„Und davon konnte der leben?“ Die Beller schüttelte ungläubig den Kopf.

Selbstverständlich. Krimibloggen war generell lukrativ, besonders das Rezensieren. Lag dem vom Verlag geschickten Besprechungsexemplar ein 500-Euro-Schein bei, bedeutete dies: soll emphatisch gelobt werden. Hingegen ein kleiner abgenutzer 50er: wird gnadenlos verrissen, das Machwerk. So waren die Tarife, aber Wickius, der sich schämte, wie er sein Geld verdiente, erzählte davon der Beller nichts, sondern sagte nur:

„Der Unfehlbare hat nicht mit dem, was er gebloggt hat, sein Geld verdient, sondern mit dem, was er NICHT gebloggt hat. Nehm ich mal an. Und jetzt zeig mir die Liste.“

Die Teller wurde beiseitegeschoben, die Beller entfaltete das Blatt Papier und strich es auf der Tischplatte glatt. Die Köpfe der beiden Detektive beugten sich über das Dokument, die Beller roch nach „Fahrenheit“ in Thunfischsoße; Wickius verzog angewidert das Gesicht. Eine Minute lang studierten sie still den Inhalt des Papiers, dann pfiff Wickius durch die Zähne und stellte fest:

„Mehr als seltsam. Zu meiner Schneemanntheorie passt das jedenfalls nicht unbedingt. Es gibt da nämlich einen Roman...von einem Europäer....spielt aber nicht in Europa...Serienheld...da steckt auch eine Leiche in einem Schneemann...wurde kürzlich von zwei Amerikanerinnen wohl noch mal aufgegriffen, habs aber noch nicht gelesen“

Die Beller nickte. Einmal, zweimal, dreimal. Aber eigentlich hätte sie den Kopf schütteln müssen, sie hatte nämlich wieder einmal keine Ahnung, wovon dieser verflixte Wickius redete.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Liste. Was soll das? Und warum steht am Ende dieses Kapitels die Beller schon wieder nackig vor Wickius? Kriegt der Autor nicht die Kurve zum psychologischen und gesellschaftsrelevanten Kriminalroman? Und hat keiner die Sache mit dem Schneemann rausgekriegt, Leser, Leserin?
dpr

28. Mai 2007

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