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Robert Brack: Schneewittchens Sarg

Durch zwei vertrackte Fälle hat Robert Brack seine Serienheldin Lenina Rabe schon gejagt. Und durch das Hamburg jenseits des schönen Scheins. Jungmädchenkrimis, die Heldin verletzlich und wehrhaft zugleich, viel bunte Fassade in den Vierteln der kleinen Leute, der Andersdenkenden und –lebenden, dahinter nicht selten die Mechanismen der ausgekochten Mehrwertwelt, die doch eigentlich bekämpft werden sollen.
Auch „Schneewittchens Sarg“ wuchert mit dem Pfund des „Milieus“; um Kriminalstory und den aktuellen Zustand der Gesellschaft in ein organisches Verhältnis zu bringen. Im Keller eines Hauses, das einem Sanierungprojekt weichen soll, findet man die Überreste eines jungen Mädchens, „Schneewittchen“, das vor zwanzig Jahren verschwunden ist. Damals gehörte das Haus noch zu einem „Sozialverein“, in dem sich idealistische Menschen um sogenannte Problemfälle kümmerten, zu denen auch „Schneewittchen“ gehörte.
Dass heute davon nicht mehr viel übriggeblieben ist, versteht sich. Die einstmals streng antikapitalistischen, antibürgerlichen und antiautoritären Betreiber des Vereins haben sich längst in Arrivierte und Gescheiterte aufgeteilt. Lenina Rabe, von einem dieser „Gescheiterten“ mit der Aufklärung des Falles beauftragt, beginnt ihre Nachforschungen und verstrickt, wie nicht anders zu erwarten, in diese sehr heutige Welt aus enttäuschten Hoffnungen, knallhartem Business und sonstigen Verlogenheiten.
Eine „Dänische Befreiungsfront“, die das früher zum nordischen Königreich gehörige Altona „heimholen“ möchte, sorgt nur anfangs für bizarre Erheiterung. Denn natürlich steckt auch dahinter ökonomisches Kalkül.
Wie schon in den beiden Vorgängerabenteuern lebt die Geschichte von ihrer Protagonistin, der einerseits noch sehr teeniehaften, andererseits bereits erstaunlich cleveren Lenina. Ob St. Pauli oder Altona, sie bewegt sich wie ein Fisch im Wasser durch die alternative Szene, locker eingebunden in einem Freundeskreis, der ihr mal hilfreich zur Seite steht, mal störend in die Quere kommt. Überhaupt das Personal. Allesamt Platzhalter, allesamt Akteure, deren einzige Existenzberechtigung es zu sein scheint, einen Rahmen ums „Milieu“ zu ziehen.
Das ist, so wie Brack es macht, völlig in Ordnung. 190 Seiten lässt er Lenina Zeit, den Fall zu klären, 190 Seiten, die fast völlig ohne großartiges Reflektieren oder Analysieren auskommen, dramaturgisch pflanzt sich die Geschichte von einer Aktion zur nächsten fort, angenehm unprätentiös und, wie gesagt, nicht zum Zwecke eines ausdifferenzierten Gesellschaftsbildes geschrieben. Brack will spannend unterhalten – das gelingt ihm, er will überdies ein Stimmungsbild skizzieren – auch darin ist er erfolgreich. „Schneewittchens Sarg“ ist also schmökertauglich – mit einem Klecks Wirklichkeit obendrauf.
dpr
Robert Brack: Schneewittchens Sarg. Nautilus 2007, 190 Seiten, 12,90 €
7. Juni 2007
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