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Wolfgang Brenner: Bollinger und die Friseuse

Der Schauplatz ist fiktiv, das Phänomen Realität. Man geht in einer saarländischen Ortschaft über die Straße – und ist in Lothringen. Oder umgekehrt.. Da mag in EU-Zeiten nichts weiter sein als ein Kuriosum und ist doch noch immer ein Kulturwechsel. Nichts Tragisches, nichts Schockierendes. Aber es ist so. Wolfgang Brenner hat einen sehr schönen Roman darüber geschrieben.

Felix Bollinger, Kommissar aus Saarbrücken, hat Mist gebaut und einen Unschuldigen erschossen. Zur Strafe wird er nach Schauren versetzt, in einen Grenzort mit deutscher und französischer Hälfte. Er soll die dortige Polizeistation leiten, ein transnationales Prestigeprojekt, aber mit dem Prestige ist es so weit nicht her. Bollinger, das muss gesagt werden, ist kein guter Polizist. Kein Diplomat, kein Mensch mit großem psychologischem Gespür. Sofort gerät er mit seinen französischen Untergebenen aneinander, zwei Laissez-faire-Gendarmen, denen der neue Wind überhaupt nicht gefällt. Das ist Stoff für Humor und wird von Brenner genauso genutzt, also nicht im Stil eines Blöde-Bullen-Klamauks verschenkt.

Unser Protagonist findet zunächst einmal Unterschlupf im Hause des Schaurener Bürgermeisters Pierre Brück, und dessen Frau Lotte, Saarländerin und vernachlässigt (man ahnt, was kommen wird), erzählt ihm die traurige Geschichte des soeben verstorbenen Ortsfriseurs, ihres Cousins. Der hatte vor Jahren ein hübsches Lehrmädchen namens Lydia Lesquelles (wunderbarer Name!), minderjährig natürlich und Schwarm aller Männer, aus einem abgeschiedenen und verrufenen Nachbardorf. Lydia wurde schwanger, der Friseur sollte der Vater sein, er hat auch fleißig gezahlt, sein Ruf aber war dahin. Heute ist Lydia selbst Salonbesitzerin und Ehefrau eines Großgärtners. Lotte glaubt nicht, dass ihr Cousin der Vater des Kindes ist, und Bollinger glaubt es auch nicht. Das muss untersucht werden, gegen alle Widerstände der Kollegen und des Dorfes, das solche Geschichten am liebsten vergessen möchte.

Nun, das klingt jetzt wirklich nicht aufregend. Sehr ruhig und mit dosiertem Witz bastelt Brenner an der Szenerie, dieser Grenzsituation, und vielleicht muss man sie selbst kennen um schätzen zu lernen, wie genau Brenner hier arbeitet. Klar, die Grenze gibt es nicht mehr, aber es gibt sie eben doch noch. Wer vom Saarland nach Lothringen fährt, fährt auch irgendwie in eine andere Kultur, schon rein äußerlich zeigt sich das. Es ist aber ein Anderes, das aus dem Gemeinsamen kommt, eine Distanz, die ohne die Nähe gar nicht existieren könnte. Atmosphärisch also auch ein Sonderfall – souverän in Geschichten umgesetzt.

Aber zurück zum Kriminalfall, ohne den ein Krimi ja nichts ist, und der Kriminalfall, den wir angedeutet haben, klingt reichlich undramatisch. Das ändert sich. Lydias Vater – er lebt noch immer in diesem verrufenen Dorf – wird tot aufgefunden. Totgesoffen? Nein, sagt Bollinger: Mord. Und was ist mit dem verlassenen militärischen Horchposten auf dem Berg? Man hört Geräusche, mysteriöse „Teufelslöcher“ gibt es in der Gegend, Menschen verschwinden darin auf Nimmerwiedersehen. Unvermittelt serviert uns Brenner alle Zutaten für veritable Spannungsliteratur, Mord und Totschlag, Staatsgeheimnis, Spionage gar – und am Ende? Wird alles nicht so heiß gegessen. Geht das Leben in Schauren weiter, Bollinger hat seine Lotte, der Bürgermeister seine Affairen und Deutschland den gelungenen Auftakt einer neuen Krimireihe, die im Februar 2008 mit Bollingers nächstem Fall fortgesetzt werden soll. Man kann sich schon darauf freuen.

dpr

Wolfgang Brenner: Bollinger und die Friseuse. Dtv 2007. 234 Seiten. 12 €

21. Juni 2007

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