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Crime School - Spannungsstudien 1

crime_school_new.jpg

Spannung! Na gut, JEDE Literatur sollte auf ihre Art spannend sein, aber bei Krimis liegen die Nerven, die da gereizt werden sollen, völlig blank vor einem, da hilft keine Begriffsdehnung ins vage Intellektuelle, Spannung in Krimis ist etwas sehr Unmittelbares, Körperliches, eine drängende Forderung, nicht selten die einzige, die Leser von – genau: SPANNUNGSliteratur an ihre Lektüre stellen.

WAS sie aber nun ist, diese Spannung, liegt weniger offen vor uns. Nervenkitzel? Erkenntnisdurst? Kreisen wir das Thema zunächst ein, um es in den nächsten Wochen schulmäßig zu durchleuchten. Und tun wir das mit einem Bild.

Man stelle sich vor, auf einer Lichtung im Wald zu verweilen. Weiches Moos, die Sonne scheint durchs Geäst, Mutti hat die Decke ausgebreitet, die Picknickköstlichkeiten werden aus der Tiefkühlbox geholt, muntere Kindlein umspringen das Idyll, zu dem wir auch Freunde und Verwandte eingeladen haben. Das ist unsere Welt. Irgendwie überschaubar, vorhersehbar, hübsch und ordentlich, meistens jedenfalls.

Dann plötzlich wird es dunkel. Nicht sofort, eher gemach, aber bald ist diese Dunkelheit eine vollständige, Mutti, die Kinder, die Freunde, die Verwandten, alle sind sie nicht mehr da – oder sind es doch, aber man sieht sie nicht mehr, hört sie nicht mehr, Eulen nölen, Füchse bellen – gar ein Wolf im Dickicht? Ein böser Mann? Wir fürchten uns jedenfalls ein bisschen, das ist nicht unsere Welt, das ist – das Lesen von Kriminalromanen.

Unsere Nerven sind also gespannt, es braucht nicht viel, sie zum Vibrieren zu bringen, ein wenig mehr nur, sie zerreißen zu lassen. Das Gute: Wir können jederzeit aus dieser Welt entfliehen, wir müssen nur das Buch aus der Hand legen und schon scheint wieder die Sonne, schenkt uns Mami den Becher voll, beschmieren sich die Gören mit NUTELLA, lässt Onkel Heinz einen hämischen Furz.

Krimilesen ist also Spannung mit Sicherheitsnetz. Während wir lesen, geschieht es: Wir vergessen unsere vertraute Welt, wir vermögen der anderen, dunklen nicht mehr zu entkommen, wir sind ein Teil von ihr, wir fühlen mit– zumeist mit dem Protagonisten und den „Opfern“, seltener mit den Bösewichten – wir leiden mit, jeder Schlag, mit dem unserem Helden ein zweiter Scheitel gezogen wird, ist ein Schlag auf unser Haupt.

Was tun wir aber in dieser dunklen Welt? Wir warten auf die Morgendämmerung, darauf, dass wieder Licht wird. Noch sehen wir nichts, Schemen vielleicht, die das Szenario durchschleichen, Personen, von denen wir nicht wissen, ob sie Böses wollen oder Gutes oder einfach nur Wanderer sind, die grußlos an uns vorbeilaufen. Wir haben also ein Wissensdefizit und gleichzeitig einen Erkenntnisdrang. Wir möchten am liebsten nicht bis zur vollständigen Morgendämmerung warten, um alles zu erkennen, andererseits wollen wir unsere Wissbegierde aber auch nicht zu früh befriedigen, weil sonst die Spannung verloren geht. Die inszenierende Instanz – Autorin, Autor – soll uns ein wenig an der Nase herumführen, plötzlich wilde Gesellen auftauchen lassen, die sich bei näherer Betrachtung als harmlose Bubis entpuppen, auch andersrum wird ein dramatischer Schuh draus, wenn das, was da im Unterholz rumort, nicht das angekündigte Rehlein ist, sondern der hungrige Wolf. Nein, führ uns nur an der Nase herum, aber übertreibs nicht. Am Ende soll alles logisch nachvollziehbar sein, sonst sind wir sauer.

Ja, am Ende. Am Ende erstrahlt die Lichtung wieder in dem, was ihr den Namen gegeben hat, allmählich erkennen wir Mami, die Kinder, die Freunde wieder, das heitere Picknick kann weitergehen, wir haben unser Spannungsbad genossen, jetzt genießen wir wieder unseren mehr oder weniger heiteren Alltag.

Ausblenden des Bildes. Was bleibt, ist die Einsicht, dass „Spannung“ in verschiedenen Gestalten aus Kriminalromanen zu generieren ist. Zunächst einmal als eine AUTOMATISCHE ERWARTUNGSHALTUNG. Sobald wir einen Krimi zu lesen beginnen, ahnen wir die Existenz einer anderen, bedrohlicheren Welt, die nicht die unsere ist. Und wir verlangen von dieser Welt ganz bestimmte Verhaltensweisen, die sie uns gefälligst zu bieten hat.

Wir machen sie aber qua MITLEBEN und MITLEIDEN zu der unsrigen, wobei die Reißleine des Fallschirms, der uns sofort wieder zurück in die „Normalität“ befördert, stets in Griffweite bleibt. Was uns bei der Stange hält, ist das WISSENSDEFIZIT, mit dem die Kriminalgeschichte zumeist beginnt, ist die Versicherung der WISSENSMEHRUNG, mit der sie uns ermittelnd durch die Handlung führt und die Garantie, uns als WISSENDE zu entlassen. Bestenfalls dürfen wir sogar miträtseln und uns am Ende freuen oder ärgern, weil wir wenigstens so schlau waren wie die inszenierende Instanz – oder eben nicht. Seltsam daran ist aber, und deshalb sei es erwähnt, dass wir doch eigentlich lieber nicht ganz so schlau sind, jedenfalls nicht zu früh, weil darunter die Spannung leidet. Von Kriminalromanen haben also die Dummen am meisten.

Mit dieser neckischen Erkenntnis entlassen wir die Leserschaft für heute. In der nächsten Folge wollen wir uns der Erwartungshaltung widmen, sie historisch fundieren und theoretisch ein wenig ausloten. Wer zum Thema Spannung etwas zu vermelden hat, der tue es bitte zwang- und formlos.

dpr

4. Juli 2007

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