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Crime School - Spannungsstudien 3

crime_school_new.jpg

Wenn wir über die Erwartungshaltung des krimilesenden Publikums räsonnieren, darf das wichtigste Steuerungswerkzeug nicht vergessen werden: der Klappentext. Der Begriff hat sich längst von seiner ursprünglichen, nur auf gebundene Bücher bezogenen Bedeutung gelöst und meint heute auch den Text auf dem Rückumschlag von Taschenbüchern. Zusammen mit dem Cover ist er die Visitenkarte eines Krimis und normalerweise der erste Eindruck, den sich interessierte LeserInnen vom Inhalt machen können.

Das Cover wäre eine eigene Betrachtung wert (und Mirko Schädels „Illustrierte Bibliografie der Kriminalliteratur" dafür eine unverächtliche erste Quelle). Belassen wir es hier bei der Feststellung, dass Cover wie Klappentext Errungenschaften des 20. Jahrhunderts sind, ich tippe auf die zwanziger Jahre, nehme genauere Datierungen indes dankbar entgegen. Jedenfalls: Im 19. Jahrhundert wurden Kriminalromane und –novellen grundsätzlich ohne bebildertes Cover und Klappentext ausgeliefert, selbst bei Broschuren verzichtete man auf die technische Möglichkeit, die Rückumschlagseite für eine prägnante Inhaltsangabe zu nutzen.

Klappen- oder Rückumschlagtexte dienen der Schnellorientierung der Leserschaft und sind, wen wundert’s, blanke Reklame, also suggestiv und in der Regel kunstvoll an der Realität vorbeigebogen. Sie werden gemeinhin von LektorInnen verfasst, seltener von der AutorInnen selbst und dienen dem Zweck, den zu erwartenden „thrill“ als Kaufanreiz auf die werte Kundschaft loszulassen. Ein Beispiel:

„Wolf Altlander ist tot. Der erfolgreiche deutsche Schriftsteller wird in seiner Villa südlich von Siena leblos aufgefunden. Neben der Leiche entdeckt Commissario Guerrini ein Behältnis mit Lachgas. Ist Altlander tatsächlich an einer Überdosis gestorben? Welche Rolle spielte sein Liebhaber, der wesentlich jüngere, bildhübsche Enzo? Warum ist offenbar niemand außer der Malerin Elsa betrübt über Altlanders Tod? Und weshalb sieht der Commissario plötzlich überall Chinesen? Guerrini fordert die Münchner Kommissarin Laura Gottberg als Ermittlungshilfe an – nicht ohne private Hintergedanken. Doch auch bei diesem Zusammentreffen verläuft nicht alles so, wie er es sich vorgestellt hat...“

So wie bei Felicitas Mayalls „Wolfstod“ kommen sie für gewöhnlich daher, die Klappentexte. Hier der von der Umschlagrückseite, der bei Büchern mit Schutzumschlag im Wortsinne „Klappentext“ ist zumeist etwas ausführlicher. Bei Mayall etwa sind Klappen- und Umschlagtext unterschiedlich formuliert, die Beziehung des Ermittlerduos wird herausgestrichen, und den LeserInnen eine Bonusinformation zuteil:

„Dass Laura ihren Vater mit in die Toskana gebracht hat, erleichtert die Sache nicht gerade, denn der hat ganz eigene Vorstellungen von einem gelungenen Italienaufenthalt...“

Typisch ist hier neben der reinen Faktenvermittlung (Schriftsteller ermordet, der Commissario ermittelt...) der Einsatz von Fragesätzen. Warum, liegt auf der Hand. Wo Fragen gestellt werden, da wird instinktiv nach Antworten gesucht. Die sich natürlich im Text selbst finden lassen, aber nur für die glücklichen KäuferInnen des Elaborats. Der flüchtige Leser dieser Zeilen erfährt aber noch mehr. Ihm muss klar sein, dass es hier nicht nur um einen Mord geht – wer erwartet auch anders von einem Krimi -, sondern das Privatleben des Ermittlerduos nicht zu kurz kommen wird. Beziehungshickhack garantiert.

Witzig ist die auf der Klappe dargereichte Bonusinformation über Lauras Vater. Der, so heißt es, habe „ganz eigene Vorstellungen von einem gelungen Italienaufenthalt“ – aber so viel sei verraten: Diese Information ist falsch. Pappa macht keinen Ärger, ja, er liefert am Ende gar einen entscheidenden Hinweis zur Überführung des Täters.

Solche offensichtlichen Fehlinformationen sind indes selten und noch seltener so grotesk wie im Falle von Jean Amilas „Mond über Omaha“. Dort erfahren wir via Umschlagtext, „Erst beim Tod des Einheimischen Fernand Delouis, der die Gedenkstätte mit Dünger versorgt, stellt sich heraus (...)“ – aber nichts da! Fernand bleibt am Leben, sein Vater ist es, der stirbt, doch wer den Text noch in Erinnerung hat, wird das ganze Buch über mit Spannung auf Fernands Tod warten. Suspence wird hier zum unfreiwilligen Nebenprodukt von Schusseligkeit beim Verfassen eines Klappentextes.

Im Allgemeinen sind solche Klappen- und Rückumschlagtexte mit Schlüsselwörtern durchsetzt. Kaum überraschend, gilt es doch, den vor einem Überangebot verweilenden Kunden einer Buchhandlung ohne größere Umstände zu packen. Das Wort „Serienmord“ resp. „Serienmörder“ erfreut sich aktuell größter Beliebtheit, appelliert sofort an jene Instinkte, denen der Reflex des sofortigen Zugreifens folgt. Vielleicht gönnt sich die Kundschaft eine kurze Leseprobe – die ominöse erste Seite – und gerät damit vollends auf die Schiene geschickter Manipulation. Denn wenn die Autoren sonst auch kreuzlangweilig und bieder ihre Fälle entwickeln mögen– die erste Seite muss ebenfalls „packen“, sie ist die Fortsetzung des Klappentextes.

„Ich hätte vor dreißig Jahren sterben sollen, dachte Giorgio Altlander. Das wäre der richtige Moment gewesen.“

Wer den Klappentext kennt, muss hier nicht mehr weiterlesen. Er / Sie weiß: Wir sind mittendrin, Altlander wird gleich das Zeitliche segnen, hier wird nicht groß herumgekaspert, hier wird pronto gestorben.

Das ist natürlich alles Psychologie. Man reicht einen Appetithappen, wobei bezeichnenderweise nur die Handlung möglichst turbulent und mysteriös angedeutet, kein Wort indes über Sprache und Dramaturgie verloren wird. Das bleibt gelegentlich den ebenfalls auf der Umschlagrückseite abgedruckten Stummelrezensionen vorbehalten, bei übersetzten Werken aus Publikationen mit klingenden Namen (Booklist, Publisher’s Weekly, New York Times...), bei einheimischen im Rückgriff auf Vorgängerwerke geäußerte Lobhudeleien. Ein Urteil wie „Die Autorin schreibt wie eine Schlaftablette wirkt“ wird man vergeblich suchen, auch im „Klappentext“ von Felicitas Mayalls nächstem Werk wird der Satz fehlen, obwohl ich ihn hiermit kostenlos zur freien Verfügung anbiete.

Psychologie. Wir stürzen uns auf ACTION! Klammern uns an Schlüsselbegriffe, lassen uns Fragen gefallen, für deren Antworten wir schlimmstenfalls mit einem Zwanziger und Stunden verlorener Lesezeit teuer bezahlen müssen. Manchmal aber geschieht dies zu unserem Vorteil, etwa wenn Robert Littells brillanter „Zufallscode“ mit solchen eyecatchern wie „Geheimagenten“ und „Serienkiller“ beworben wird. Was nicht falsch ist – aber irgendwie halt doch. Und der Klappentextschreiber lacht sich ins Fäustchen, die Buchhalter hoffentlich auch bald.

Die Klappentexte verraten uns sehr viel über den derzeitigen Zustand der Kriminalliteratur. Sie sind handlungsorientiert, sie strotzen vor Versprechungen, im Regelfalle lügen sie nicht einmal dreist, sie schönen nur die Wirklichkeit, suggerieren Tempo, wo vielleicht Stillstand ist, vertrauen ganz und gar auf die Macht der Schablone, die das lesende Publikum bei seiner Kaufentscheidung anlegt. Nur nichts Ungewöhnliches, am liebsten die 2398. „forensische Anthropologin“ oder „Gerichtsmedizinerin“, die es mit einem „unheimlichen Serienkiller“ zu tun hat, während sie „in private Probleme verwickelt ist“ und wenn dann „der Fall plötzlich eine für die Heldin tragische Dimension“ erhält – gut so, das will man schließlich lesen. Die Klappenprosa steuert also die Leserschaft durch das Labyrinth der Kriminalliteratur, sie weckt die Erwartungen des Konsumenten, indem sie sie bestätigt.

Die „Spannung“ fusst auf Überraschungen, die in diesem Erwarteten stattfinden. Selbst dort, wo der Klappentext eine „unglaubliche Lösung des Falles“ avisiert, kann man ziemlich sicher sein, nichts weiter zu bekommen als eine weitere Drehung an der Schraube des Hanebüchenen. Ausnahme bestätigen die Regel.

Natürlich ist der Klappentext nicht primär für diese allgegenwärtige Tendenz, Spannung im Rahmen der Konventionen zu erzeugen, verantwortlich zu machen. Er legt Zeugnis von ihr ab und festigt sie auch, denn längst wissen die Verlage, was sie diesen paar Zeilen zu verdanken haben, wie eingeschränkt aber auch ihre Variationsmöglichkeiten sind.

Auf die Klappentexte pfeifen hieße ins kalte Wasser springen. Ertrinken oder auf einer schönen Insel stranden. Die Rezension als Alternative? Sind doch auch oft nichts anderes als Klappentexte.

dpr

11. Juli 2007

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