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Jahrhundertprojekt: Tod dem Ermittler!
Ich kann sie nicht länger ertragen. Sie trampeln auf meinen Nerven, sie zersetzen meinen Restverstand, sie stolzieren anachronistisch wie Dinosaurier durch die Moderne, sie erniedrigen den Kriminalroman zur Lektüre ewig im geistigen Kindergartenalter harrender Leser. Schafft sie endich ab! Bringt sie um die Ecke! Irgendwo ein Auftragsmörder, der diesen Job als Ehrenamt übernehmen will? Hauptsache, sie verschwinden. Die Ermittler.
Die Krise der Kriminalliteratur ist offenkundig. Oder wie der Kollege zu sagen pflegt: Die einen schreiben fürs Elysium, die anderen für den Mülleimer. That’s crime fiction today. Und woran liegt das? An der Faulheit, dem Unvermögen, dem Markt: schon richtig. Aber auch am Korsett, in das Krimiautoren unfehlbar schlüpfen, sobald sie die Muse geküsst hat, diese von ewigem Mundgeruch geplagte Schöne, die längst in die Jahre gekommen ist und ihre verführerischen Lippen dem Katalog der kosmetischen Chirurgie zu verdanken hat.
Dieses Korsett heißt: Es muss einen oder mehrere Ermittler geben, deren Aufgabe es ist zu ermitteln. Sie mögen dies nüchtern tun oder ständig besoffen, tief depressiv oder ironisch augenzwinkernd, bieder oder unkonventionell, im abgetragenen Tranchcoat oder im maßgeschneiderten cut, das ist völlig egal, ermitteln müssen sie.
Betrachten wir das mal historisch. Es gibt in der Geschichte der Kriminalliteratur ganze vier reine Ermittlertypen. Typ 1: Sherlock Holmes, das unfehlbare Genie. Typ 2: Miss Marple, die schrullige Alte. Typ 3: Philipp Marlowe, der zwischen Zynismus, Melancholie, Resignation und Mitleid hin und her gerissene Einzelgänger. Typ 4: das Ermittlerteam. Seit über 100 Jahren definiert sich Krimi aus den dramaturgischen Zwängen heraus, die das Ermitteln mit sich bringt. Zuerst wissen sie gar nichts, dann stochern sie im Nebel und schließlich lösen sie den Fall. Damit muss Schluss sein!
Vor allem im Sinne der Leserschaft. Es ist nicht mehr mitanzusehen, wie die Leser es hinnehmen, als unmündige Bürger von irgend welchen dahergelaufenen Ermittlern an die Hand genommen und durch die Story geführt zu werden. Das ist wirklich wie Kindergartenausflug. „Na, Kevin, guck mal, was ist denn das da?“ Kevin guckt. Das ist – „eine Tante, die mit einem Onkel kämpft!“ Der Ermittler lächelt barmherzig. „Nein, Kevin, das ist eine Tante, die gerade einen Onkel furchtbar lieb hat und in neun Monaten sind sie dann zu dritt!“ So etwa. Du bist der Depp, du wirst zum Mitdenken aufgefordert, aber du weißt gar nichts, der Ermittler weiß es immer besser.
Erkenntnisgewinn, okay, okay. Am Ende weiß auch Kevin, dass die Tante dem Onkel nicht das Kaugummi stehlen möchte, wenn sich ihre Lippen ineinander verhaken. Aber lernt man das nicht auch so? Durch blankes Zuschauen, durch MITDENKEN, durch eigenes Kombinieren, eigenes Schlüsseziehen? Natürlich. So lernt man das im wirklichen Leben, wenn man einmal die viele unnütze Zeit abzieht, die man in Bildungsanstalten verbringt. Warum aber nicht im Kriminalroman? Warum werden wir dort ständig bei der Hand genommen und durch die ewiggleichen Muster, die längst verrotteten Blaupausen geführt? Wie soll der Krimi eine Zukunft haben, wenn er es sich in der Vergangenheit eingerichtet hat?
Man wende bitte nicht ein, die Angst der Autoren vor dem Verzicht auf die ermittelnde Instanz sei „irgendwie ökonomisch“ bedingt. Nehmen Sie „Tannöd“! Wo gibt es da Ermittler? Na? Und das Ding hat sich inzwischen 250.000 mal verkauft!
Schön, „Tannöd“ ist nur insofern ein gutes Beispiel, weil auf Ermittler gepfiffen wird. Als Paradigma taugt es indes nicht, denn die Ermittler sind ja allgegenwärtig, sie befragen die Zeugen, die Verdächtigen. Ein paradigmatischer Krimi, der sich von der ermittelnden Instanz emanzipiert, sähe aber etwa so aus:
Ein Verbrechen geschieht. Die Polizei erscheint auf der Bildfläche (meinetwegen auch ein Privatdetektiv). Sie nimmt ihre Ermittlungen auf – und verschwindet wieder. Im Folgenden werden wir ganz lapidar mit dem allgemeinen Setting und den beteiligten Personen vertraut gemacht, mit dem, was letztere tun und lassen. Wie sie handeln, wie sie reagieren, wie sie denken, wie sie planen, wie mit ihnen geplant wird. Kurz: Die Welt, in der das Verbrechen geschehen konnte, wird rekonstruiert. Ende. Weiter nichts. Am Schluss erscheint dann der Ermittler bei einer dieser Personen und sagt: „Hallo, Herr / Frau X., Sie sind hiermit wegen Mordes verhaftet. Die Beweise sind lückenlos!“
Der Leser, die Leserin ist aber ja selbst ermittelnde Instanz gewesen, sie hat selbst kombiniert. Und jetzt nickt sie das Ergebnis der „Profis“ vielleicht ab – oder sie sagt: Blödsinn, Justizirrtum, es war ganz anders, ich kanns beweisen. Das wäre Emanzipation! Und irgendwann verzichtet man auf das Erscheinen der Ermittler ganz, dann endet der Krimi einfach so, die werte Leserschaft soll sich gefälligst selbst ein Urteil bilden und den Bösewicht in ihrer eigenen Phantasie seiner gerechten Strafe zuführen – oder es eben lassen.
Das ist nun alles reichlich theoretisch, ich weiß. Und ich höre auch schon die Herren Eckert und Horst, die ja von „Polizeiromanen“, also wahren Ermittlernestern, leben, lauthals „Unsinn!“ schreien. Aber die müssen halt umlernen, sind ja noch jung und dynamisch. Man müsste das mit der Emanzipation vom Ermitteln in praxi vorführen, etwa, indem man einen konventionell mit ermittelnder Instanz ausgestatteten Kriminalroman dekonstruiert und nach den neuen, zukunftsweisenden Regeln wieder zusammensetzt. Astrid Paprottas „Feuertod“ zum Beispiel.
Wer diesen gewiss gelungenen, aber eben nach den alten Regeln gelungenen Roman gelesen hat, wird erahnen, wie im Grunde überflüssig die beiden durch die Szenerie tappenden polizeilichen Ermittler sind. Zumal sie am Ende doch so klug als wie zuvor sind, um mit jenem „Faust“ zu reden, der ja auch die Konventionen herausgefordert hat. Man merkt, dass Astrid Paprotta hier etwas Revolutionäres plante, aber dann doch vor der unseligen Tradition des Genres kapituliert hat. Waren ihre Ina-Henkel-Krimis noch vollständig um das Zentrum der Ermittlerin herum aufgebaut, so rücken die Ermittler in „Feuertod“ schon etwas an den Rand des Geschehens. Sie sind aber noch da. Der Leser identifiziert sich mit ihnen, Frau Paprotta schickt sie der Lösung entgegen, lässt sie Fakten sammeln etc. Was gar nicht notwendig wäre! Es ginge auch ohne!
Ich werde in den nächsten Tagen die Erlaubnis von Autorin und Verlag einholen, „Feuertod“ umschreiben zu dürfen. Ermittler raus! Einfach zeigen, was ist! Das tut Frau Paprotta dankenswerter Weise schon über weite Strecken, aber eben nicht konsequent. Das werden wir ändern! Ich habe inzwischen schon die beiden in meinem Besitz befindlichen Exemplare des Buches in ihre Bestandteile zerlegt und, Seite für Seite, an die Wände meines Arbeitszimmers gekleistert. So bekommt man den besten Überblick für die De- und anschließende Rekonstruktion. Ich rechne damit, in spätestens 9 Monaten mit meiner Arbeit fertig zu sein und den ersten Prototypen des vollständig ermittlerlosen Kriminalromans präsentieren zu können. Wenn der Verlag nicht dumm ist, wird er MEINE Version dann als die zu diesem Zeitpunkt wohl 6. Auflage von „Feuertod“ auf den Markt werfen. Der erste Krimi des 21. Jahrhunderts! Selbstverständlich werde ich Frau Paprotta wenngleich in geringem Umfang an den Einnahmen beteiligen.
dpr
13. Juli 2007
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