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Kapitel XIII

wickius_forts_cover_2.jpg

Was bisher geschah: Ein toter Krimiblogger, eine kryptische Liste, Mordversuche und schwerstgetötete schwule Friseure, KrimiAutorinnen, die plötzlich verschwinden und auf einer künstlichen Insel in der Südsee wieder auftauchen. Mittendrin: Wickius. Wickius, aus den Klauen der Beller in die Klauen eines mächtigen Feindes geraten. Wickius, der eine Flaschenpost geschickt hat, in der er seine Abenteuer auf der künstlichen Insel reportiert. Die Fortsetzung seines Berichts.

Ich erwachte aus traumlosem Schlaf. Etwas hatte mich geweckt, ein blechernes Hantieren, schien es mir. Als ich die Augen öffnete, sah ich Thalia im Eingang der Hütte, ein Tablett mit dampfenden Speisen balancierend. „Frühstück“, sagte sie lächelnd, und ich wünschte, sie hätte es nicht getan.

Ich hatte meine Morgenmahlzeit gerade beendet, als der alterthümliche alte Mann im Bratenrock die Hütte betrat, ein „Guten Morgen, gut geschlafen?“ auf den Lippen. „Sehr fest“, antwortete ich, und er: „Nur Tote schlafen fester!“, wobei er lachte wie eine Henne gluckst. Ich verdrehte die Augen vor Dankbarkeit. Dieses Rätsel würde sogar der tumbeste aller meine Leser lösen können. Hoffte ich.

Der Mann, der sich gestern Nacht Hans Paul Dönkemayer genannt hatte, musterte mich mit einer Neugier, die mir nicht gefiel. „Sie fragen sich“, begann er sodann, „was das hier alles soll? Wer ich bin? Welches meine Funktion ist?“ Ich nickte. Das fragte ich mich tatsächlich. Und der Mann atmete einmal tief ein, einmal tief aus, bevor er zu folgender Rede ansetzte:

„Meine Kleidung. Sie haben sich gewundert, wie man derart alterthümlich gewandet durch das 21. Jahrhundert geht, zumal in südseeischen Gefilden. Nun, betrachten Sie es als meinen Arbeitsanzug. Eine Reminiszenz an das 19. Jahrhundert, da unsere Bruderschaft gegründet wurde. Sie stutzen? Natürlich, denn von unserer Bruderschaft können Sie nicht wissen. Sie ist das bestgehütete Mysterium, eine – wenn auch harmlose – Geheimgesellschaft, und bevor ich Ihnen mehr darüber erzähle, müssen Sie mir bei allem, was Ihnen heilig ist, versichern, kein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, niemandem gegenüber. Schwören Sie das?“

Ich schwor, denn mir war nichts heilig.

„Nun denn. Als zur Mitte des 19. Jahrhunderts der Kriminalroman erschaffen wurde – nennen wir es einmal so -, da fand er viele Freunde auch in den höchsten Kreisen. Nur leider: Es ward nicht gern gesehen, dass gebildete Menschen in die Tiefen menschlichen Desasters stiegen, um viertklassigen Autoren an den erzählerischen Lippen zu kleben. Der Krimi war verpönt, aber er wurde für viele Menschen aus höheren Ständen zu einer Leidenschaft. 1864 schließlich beschloss ein wahrhaft großer Mann – ich erwähne aus Gründen, die Sie kaum interessieren werden, seinen Namen nicht -, seine Leidenschaft für Krimis mit anderen zu teilen. In einer geheimen Bruderschaft, die er „Freunde und Förderer der einheimischen Spannungsliteratur“ nannte, FFES abgekürzt, oder, da alles auf den Punkt gebracht werden muss: DIE KRIMILOGE. Man traf sich an geheimen Orten und diskutierte über den Stand des deutschen Krimischaffens. Rasch indes wurde man gewahr, dass es um dieses nicht zum Besten stand. Also streckte man – auch im Geheimen, versteht sich – manch helfende Hand aus, um das knospende Pflänzchen Deutschkrimi zu hegen, zu pflegen, nicht selten gar erst zu pflanzen. Sicher kennen Sie Theodor Fontanes „Unterm Birnbaum“ und haben sich schon so manchesmal gefragt, was denn einen so anerkannten Prosadichter geritten haben könnte, einen Krimi zu schreiben? Nun, es waren exakt 120 Thaler, die ihm die KRIMILOGE zur Verfügung stellte – Fontane hatte gewisse Schwierigkeiten, seine Miete zu zahlen -, unter der Bedingung, eine knackige Kriminalnovelle zu verfassen. Fontane tat es notgedrungen. Oder, sehr viel später: Glauser. Ein talentierter Schweizer, aber es ging ihm einfach zu gut. Ein Kriminalautor, das ist die feste Überzeugung der Loge, muss selber leiden wie ein Hund, damit er wahrhaft gute Kriminalliteratur abliefern kann. Also ließen wir Glauser leiden. Wir inszenierten gewisse – nun ja: private Katastrophen, die ihn schließlich so völlig aus der Bahn warfen, dass er den anspruchsvollen deutschsprachigen Krimi erfand.“

Ich lauschte gebannt. War das Wirklichkeit? Oder befand sich dieser Mensch in einem Stadium der Verrücktheit, von dem wir Normalen uns keine Vorstellung machen? Der Ort, an dem wir waren, die seltsamen Dinge, die hier vor sich gingen, sprachen dagegen.

„Ich sehe, Sie glauben mir nicht, und ich verstehe Sie gut. Um es abzukürzen: Die KRIMILOGE besteht heute noch. Viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die niemals zugeben würden, Krimis zu lesen, gehören ihr an, und sie fördern das deutsche Krimiwesen im Verborgenen. Ich will nicht behaupten, dies sei stets von gutem Erfolg gekrönt gewesen. Auch unser Einfluss ist begrenzt, die Intelligenz der meisten Krimiautoren ist es auch. Und das Publikum wird immer – verzeihen Sie den Ausdruck – bescheuerter, was einen ziemlichen Teufelskreis beschreibt. Aber das wissen Sie ja alles selbst. Dennoch. Vor einem Jahr waren wir gezwungen, in großem Stil zu handeln. Es war uns zu Ohren gekommen, dass man in Brüssel neue EU-Normen für Kriminalromane plant, und als wir die Einzelheiten hörten, wurde uns Angst und Bange. So darf etwa das Sprachdefizit von Kriminalromanen die 30%-Marke nicht überschreiten, was sofort 90% der deutschen Krimiproduktion zu Makulatur machen würde. Ein Plotdefizit von 10% soll dazu führen, dass auf den entsprechenden Werken ein Aufkleber „Das Lesen dieses Krimis beschädigt ihre Intelligenz“ angebracht werden muss. Und so weiter. Es ist traurig. Es ist alarmierend. Die KRIMILOGE kam folglich zu dem Entschluss, eine Art Trainingscamp für deutsche KriminalautorInnen zu etablieren, einen Ort völligen Abgeschiedenseins, an dem die Talentiertesten von ihnen ihre Kunst unter Anleitung kompetenter Dozenten verbessern sollen. So entstand die IDIOT.“

Ich legte meine Stirn in Falten, der Alte lachte.

„Ein merkwürdiger Name, ich gebe es zu. Eine Abkürzung, natürlich. Insel für Drastisches, Intensives, Organisiertes Training. Wir ermöglichen es den Krimischaffenden, Ihre schriftstellerischen Defizite hier individuell zu beseitigen. Nehmen Sie nur einmal Frau Paprotta. Eine begabte Autorin. Aber meinen Sie, sie bekäme einen ordentlichen Schluss hin? Nicht dran zu denken! Oder Norbert Horst. Ein Spannungsautor comme il faut, aber hat früher im Deutschunterricht immer gefehlt, wenn es um die Syntax vollständiger Sätze ging. Oder Oliver Bottini. Ist als Kind in einen Topf mit kochendheißen Gemeinplätzen gefallen und laboriert noch heute an den Folgen.“

Der Alte schwieg nun und sah mich an. Er wartete auf eine Reaktion, ich war sie ihm schuldig, doch es hatte mir die Sprache verschlagen. War das die Wahrheit? Ich glaubte es nicht. Und irgend etwas in meinen Augen verriet, dass ich es nicht glaubte, und irgend etwas in den Augen des Alten verriet, dass er es erraten hatte. Also fuhr er fort.

„Sie sind überrascht. Sie zweifeln. Doch Sie werden sich frei auf der IDIOT bewegen können, ja, ich werde Sie gerne über die Insel führen, um Ihnen alle technischen Details, alle Bildungseinrichtungen zu erläutern. Und wir haben einiges zu bieten! Die besten Fachkräfte – den großen dpr haben Sie bereits gesehen, nehme ich an, wir haben ihn mit Hilfe einer betörenden jungen Blondine auf die Insel gelockt, was nicht ganz fair war, da wir an die niederen Instinkte dieses Genies appellieren mussten, aber inzwischen möchte er die Atmosphäre auf der IDIOT nicht mehr missen – und natürlich auch nicht die Blondine. Zudem: Glänzend ausgestattete Arbeitsräume! Gemütliche Bungalows mit Blick auf den herrlichen Ozean! Bibliotheken! Nun ja, sie werden kaum genutzt, denn bevor ein Krimiautor liest, schreibt er lieber. Aber auch hier machen wir Fortschritte.“

Ich erinnerte mich an Frau Paprotta und ihre Perry-Rhodan-Lektüre und lächelte still in mich hinein.

„Wenn es Ihnen recht ist, mein lieber Wickius, dann verlasse ich Sie nun, damit Sie sich in aller Ruhe Ihren morgendlichen Verrichtungen widmen können. Thalia steht Ihnen zur Verfügung – in ALLEN BELANGEN, wenn Sie verstehen.“

Sein Grinsen erschien mir in diesem Augenblick eine Spur zu ordinär, doch ich schwieg, schockiert von der Vorstellung, was mit diesen „allen Belangen“ gemeint sein könnte.

„In zwei Stunden hole ich Sie hier an Ihrer Hütte ab und zeige Ihnen die IDIOT. Sind Sie einverstanden?“

Ich nickte. Was sonst blieb mir übrig? Grübelnd sah ich dem Alten nach, der meine Hütte verließ und zwischen den Bäumen verschwand. Thalia erschien mit mehreren Handtüchern über dem Arm und lächelte mich an. Auch sie eine Spur zu ordinär. „Kommen Sie mit duschen?“ fragte sie, „Ich schrubbe Ihnen gerne den Rücken.“

Seufzend erhob ich mich. Gewisse Opfer mussten gebracht werden.

***

„Gewisse Opfer!“ zischte Anna Beller und warf den Papierbogen wütend auf den Tisch. Bei ihr war Wickius niemals bereit, auch nur das kleinste Opfer zu bringen, nicht einmal heiraten wollte er sie. Sie schloss die Augen. Lebte Wickius überhaupt noch? Was war geschehen? Warum musste er eine Flaschenpost zu Wasser lassen, um der Welt von seinen Abenteuern zu berichten? Wo hielt er sich jetzt auf? In Thalias Armen? Im Bauch eines weißen Hais? In einem feuchten Verließ? Anna Beller nahm das nächste Blatt und las weiter.

13. August 2007

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