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Kapitel XV

wickius_forts_cover_2.jpg

Was bisher geschah: Wickius sitzt voll in der Scheiße! Nämlich in einem Kerker! Wo? Auf IDIOT, der künstlichen Südseeinsel! Was passiert dort? Sämtliche deutsche KrimiAutorInnen befinden sich auf IDIOT, um eine Weiterbildungsmaßnahme zu absolvieren! Sagt der komische Alte! Aber er lügt! Und Wickius deliriert said Stunden! Wow! Spannend! Klar, dass diese Folge mit einem sauguten Cliffhanger endet!

Wasser. Ich sehnte mich nach Wasser. Nur Wasser. Ein Fiebertraum. Ich sah mich mit gierig geöffnetem Mund inmitten SINTFLUTARTIGER REGENFÄLLE, den Kopf ins Genick gedrückt, das erfrischende Nass wie ein Gebirgsbach in mein Maul stürzend. Wasser!!!

Der Fiebertraum ging weiter. Ich wähnte mich im Jahre 2107. Ein Flugzeug landete auf dem Pieke Biermann Airport Berlin, die Tour de France endete im Frankfurter Jan-Seghers-Radstadion, ich spazierte auf dem Anne-Chaplet-Wanderweg durch den herrlichen Taunus, begab mich nach Wiesbaden und bummelte über die Hauptgeschäftsstraße, die Anobella-Allee. Der deutsche Krimi hatte es geschafft. Weltgeltung. Irgendwo in merry old England hatte wer eine bescheidene Seite ins Netz gesetzt. „Early british Crime Fiction“, von allen verlacht. Gabs doch gar nicht! Wusste doch jeder! Der Krimi? Eine deutsche Erfindung! Ziemlich spleenig, der Mann!

Der Fiebertraum steigert sich. Dpr hat den Literaturnobelpreis gewonnen. Dreimal hintereinander. Dpr? Ach ja, da war doch was. Vor vielen Stunden (ich wusste nicht, ob vor 5 oder 50 oder 500) war die Tür meines dunklen, engen und feuchten Verlieses aufgegangen, eine mächtige Gestalt mit Affenmaske hatte den Kerker betreten, höhnisch „Na, durstig?“ gefragt, schallend gelacht, mir dann ein Konvolut beschriebenen Papiers vor die Füße geworfen.

„Lesen Sie das hier wenigstens! Ich mach auch Licht. Damit Sie, bevor es mit Ihnen zu Ende geht, sagen können: Ich habe die Zukunft der deutschen Kriminalliteratur erblickt!“

Die Zukunft der deutschen Kriminalliteratur? Ich versuchte zu lachen, es gelang mir nicht, der Mann mit der Affenmaske drehte sich um, lachte seinerseits schallend, verschloss die Tür, absolute Stille, eine trübe Glühbirne spendete plötzlich fahles Licht. Ich delirierte. Mein Gehirn baute Verse mit Endreimen.

Juli Zeh,
weiß wie Schnee.
Setz dich, holde Krimifee,
neben mich aufs Kanapee.

Mit Henrike Heiland
Auf’nem heißen Eiland.
Mann, das könnte spaßig sein.
Aber will ichs? Antwort: nein.

Endlich erinnerte ich mich an das Konvolut, griff danach. Ein Krimi von dpr? Seit wann schrieb der Krimis? Ich begann zu lesen. Misstrauisch zuerst, dann gebannt, schließlich erschüttert. Der Affenmensch hatte nicht gelogen. Das WAR die Zukunft des deutschen Kriminalromans, eindeutig! Und sofort wurde mir bewusst, dass ich die Drucklegung dieses epochalen Werkes nicht mehr miterleben würde. Kein HANDSIGNIERTES EXEMPLAR →VORBESTELLEN! konnte. Ich begann bitterlich zu weinen. DPR mochte ein schlechter Mensch sein, aber er konnte schreiben wie der Teufel persönlich!

Mein Leben rauschte in einem wild geschnittenen Film an mir vorbei, so wie es in der Stunde des Todes passieren soll, sagt man. Ich sah mich als kleinen Jungen in der Bibliothek meiner Eltern, auf der Suche nach „schmutzigen Büchern“, was ich fand war eine Agatha-Christie-Gesamtausgabe. Ich las sie mit klopfendem Herzen.

Schnitt. Als pickliger Jüngling beim ersten Rendezvous. Kurz vor der Erfüllung meiner geheimsten Wünsche. Mein Blick fiel auf meine Armbanduhr. Halb neun. Gleich würde im Fernsehen der dritte Miss-Marple-Film laufen. Ich ließ meine Angebetete auf der Parkbank liegen und eilte nach Hause.

Anna Beller. Ja, auch sie gehörte zu meinem Leben, auch wenn ich das bisher immer geleugnet hatte. Sie nervte. Sie war ordinär. Man sah ihr an, dass sie exzessiv MARS-Riegel verzehrte. Aber ich liebte sie. Irgendwie.

Menke. Ich musste verrückt sein, jetzt an Menke zu denken. Der sicher irgendwo, bis zur Halskrause mit Drogen abgefüllt, in einer Ecke lag und schwer schnarchte. Hilfe, HERR!, erlöse mich aus diesem Albtraum!

Dann sah ich sie. Zuerst erkannte ich sie nicht. Die bezaubernde junge Dame aus dem Flugzeug, das mich in diese vermaledeite Südsee gebracht hatte. Wie hieß sie noch gleich? Schrunz? Claudine Schrunz? – Es war mir, als trete sie durch die Tür meines letzten Kerkers, nein, als schlüpfte sie geschmeidig wie eine Schlange hinein, als kniee sie vor mir. Dann hob sie meinen fiebernassen Kopf vom kalten Steinboden, bettete ihn in ihren wunderbaren Schoß. Ich öffnete die Lippen, versuchte zu sprechen, sie hielt mir den Mund zu. Sagte dann:

„Ruhig! Keiner darf uns hören! Hier, trinken Sie!“

Etwas berührte meine Lippen, ich öffnete sie abermals, gierig jetzt, denn Wasser benetzte plötzlich mein Gesicht, schoss wie SINTFLUTARTIGE REGENFÄLLE über die Poren, dann endlich, endlich in mich selbst. Ich hustete, die Fee machte „pssst!“.

Ja, eine Fee musste sie sein. Zwar nicht Juli Zeh, aber Fräulein Schrunz, auf das sich nichts zu reimen schien. Sie nahm mir die Flasche von den Lippen, ich verlangte nach mehr, doch sie strich mir sanft die Haare aus den Augen und benetzte sie mit Küssen.

„Armer, armer Wickius! Was hat man Ihnen angetan! Aber jetzt bin ich ja da! Es gibt noch Hoffnung!“

Hoffnung? Ja, sollte dies am Ende doch kein beschissener Fiebertraum sein? Die Schrunzen real, ihre Küsse echt, ihr weicher Schoß true crime? Ich hatte keinen Durst mehr, das Wasser war tatsächlich Wasser gewesen. Und folglich musste die Schrunz auch die Schrunz sein.

„Sind Sie ein Irrlicht meiner Phantasie – oder sind Sie es wirklich?“ fragte ich mühsam und leise. Sie lächelte mich an.

„Ich bin es wirklich.“

„Wie kommen Sie hierher? Was suchen Sie auf dieser verfluchten Insel?“

„Das was auch Sie gesucht haben. Die Wahrheit.“

„Die Wahrheit?“

„Ja. Lassen Sie mich in kurzen Worten berichten. Wir haben noch Zeit. Wir können die Flucht erst wagen, wenn es vollständig dunkel geworden ist. Also – ich habe Ihnen damals, als wir uns kennenlernten, nicht die Wahrheit gesagt. Ich bin nicht hier, um Verwandte zu besuchen, sondern im Auftrag der CWS, der Crime Watch Society.“

„Nie gehört“, murmelte ich.

„Das glaube ich gern. Wir sind nämlich geheimer als geheim. So eine Art CIA für Krimiangelegenheiten. Es obliegt uns, die Vorherrschaft amerikanischer Kriminalliteratur auf dem internationalen Markt zu sichern. Was haben denn die USA sonst, was sie exportieren könnten? Autos? Ha, ha! Popmusik? Ja, sicher. Aber auf einem Bein kann man nicht stehen. Deshalb die CWS. Ihre Aufgabe ist es, den internationalen Krimimarkt zu beobachten und jede Tendenz nationaler Krimikulturen, die US-amerikanische Hegemonie zu stören, im Keim zu ersticken. Vor Monaten schon erreichten uns beunruhigende Nachrichten aus Deutschland. Offensichtlich plante man dort genau das: die Weltherrschaft in Sachen Krimiproduktion. Immer neue talentierte Autoren erschienen auf dem Markt. Bottini. Elke Schwab. Die unvermeidliche Juli Zeh. Bei uns läuteten sämtliche Alarmglocken. Rasch erfuhren wir von IDIOT, dieser künstlichen Insel. Man hat mich ausersehen, hier zu landen – der Chinese und sein Kumpel haben mich hierher gebracht – und den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich habe auf einer Palme am Strand gesessen, als man Sie verhaftete und hierher brachte. Ich habe einen günstigen Moment abgewartet, in die Nähe des Kerkers zu kommen, der gottlob nur durch einen schweren Eisenriegel verschlossen war. Aber jetzt sollten wir versuchen, von hier zu entkommen. In drei Stunden nimmt uns der Chinese wieder auf und bringt uns in Sicherheit.“

Ich wähnte mich noch immer im Fieber, doch war wieder soweit hergestellt, dass ich wusste, es war kein Fieber, es war Wirklichkeit. Mühsam erhob ich mich aus der Schrunzen Schoß. Meine Beine waren noch etwas schwach, doch wir gelangten glücklich aus dem Verlies.

„Wo sind wir hier eigentlich?“ fragte ich.

Die Schrunz antwortete: „Hinter dem Ankerwindenraum. Den müssen wir durchqueren, dann gelangen wir in den Maschinenraum. Von dort aus ins Freie. Keine Angst. Die beiden Wachen habe ich ausgeschaltet.“

Ich wagte nicht zu fragen, wie. Wir durchquerten den Ankerwindenraum glücklich, kamen in den Maschinenraum. Es brannte auch hier nur eine trübe Glühbirne und tauchte die mächtige Maschine in dämonisches Licht. Nur noch wenige Schritte... da plötzlich ertönte wieder dieses hässliche Lachen hinter uns – der Alte in seinem Bratenrock.

„Sieh an, sieh an, eine neue, bisher noch unbekannte Besucherin! Und unser Freund Wickius! Sollten Sie nicht eigentlich im Kerker schmoren? Na so was!“

Die beiden schwerbewaffneten Männer an seiner Seite grinsten. Einen glaubte ich zu erkennen, er glich dem Kriminalassistenten Giorgio, in seinem Gesicht die Spuren schweren Drogenmissbrauchs, wahrscheinlich Apostrophin, die Partydroge Karlsruher Germanisten. Man hatte ihn offenbar einer Gehirnwäsche unterzogen, was in Anbetracht der Größe des zu reinigenden Objekts nicht sehr lange gedauert haben dürfte. Jetzt hielt er eine abgesägte Schrotflinte in Händen und richtete sie auf uns.

„Dann wollen wir gnädige Frau doch mal einem peinlichen Verhör unterziehen. Mal schauen, was sie uns zu erzählen hat. Und Wickius? Brauchen wir den noch? Ich würde sagen: nein.“

Er wandte sich an Giorgio.

„Leg an, mein Sohn und verpass ihm eine Ladung! Und Sie, gnädige Frau, verlassen bitte die Schusslinie, eine Schrotflinte streut ziemlich.“

Tatsächlich trat die Schrunz ein paar Schritte zur Seite, stand jetzt an der Maschine. Giorgio hob die Waffe, grinste dreckig und legte an. Im nächsten Moment durchfuhr es mich wie ein Erdbeben, etwas detonierte in meinen Gehörgängen, ich verlor die Herrschaft über meinen Körper, ich fiel. War ich jetzt tot? Merkwürdig, den Einschlag der Kugeln hatte ich überhaupt nicht gespürt. Aber das war normal. Ja, ich musste tot sein.

***

Anna Beller schluchzte. Sie war in Tränen aufgelöst. Wickius hatte sie geliebt! Und jetzt war er tot! Wenn er sich ihr doch wenigstens EINMAL hingegeben hätte! Sie war doch bereit gewesen! --- Moment mal....tot? Wie konnte er dann die Flaschenpost ins Meer werfen? Und was wollte diese blöde Kuh von Schrunzin plötzlich in der Geschichte? --- Die geht ja noch weiter! Anna Beller wischte sich die salzigen Tränen aus dem Gesicht, aß zwei MARS-Riegel und setzte die Lektüre fort. Die nahe Kirchturmuhr schlug halb drei und wie immer um diese Zeit fiel Wickiussens Porträt von der Wand über Anna Bellers Bett und landete auf dem Kopfkissen...

dpr

27. August 2007

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