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James Sallis: Driver

Ein Mann macht seinen Job. Etwas geht dabei schief. Der Mann gerät in Schwierigkeiten. Er räumt sie aus dem Weg. Ende der Geschichte. Nun ja, denkt man, einhundertsechzig Seiten, was will uns der Autor da schon großartig erzählen. Heißt der Autor der Geschichte allerdings James Sallis, werden selbst einhundertsechzig Seiten Roman zur komplexen Weltabbildung.
Driver heißt so wie das, was er tut. Er fährt Autostunts in Actionfilmen, manchmal auch den Fluchtwagen bei Raubüberfällen. Sein Credo: Ich kutschiere – alles andere interessiert mich nicht. Eines Tages muss es das aber, denn ein Überfall geht schief, Driver und eine Komplizin gelingt mit einer Viertelmillion Dollar, die eigentlich der Mafia gehört, die Flucht. Es kommt zu einer Reihe vorhersehbarer Zwischenfälle mit Toten, sehr schnell übernimmt Driver dabei die Initiative, fordert seine Gegner heraus und bringt sie nacheinander um die Ecke.
Doch was ist das für ein Typ, dieser Driver? Zu sozialen und kommunikativen Handlungen ist er durchaus fähig. Mit seiner Nachbarin und ihrem kleinen Sohn etwa hat er sich angefreundet, der Ehemann sitzt im Gefängnis. Man sieht gemeinsam fern, Driver kümmert sich um das Kind. Das alles klingt nach einem angenehmen Zeitgenossen, der in jedem Bewerbungsgespräch von sich behaupten könnte, „teamfähig“ zu sein. Doch als die Frau eines Tages im Beisein Drivers erschossen wird, trauert er nicht etwa. Es ist halt passiert und wird als eine Lebenstatsache abgehakt.
Dieser Driver agiert also ohne tiefere Empfindungen, ohne irgendein Gefühl für Liebe oder Hass. Diese Regel durchbricht er nur ein einziges Mal, bezeichnenderweise als er einen Mann tötet, der genauso ist wie Driver selbst. Man trifft sich, isst zusammen, unterhält sich, mag sich – und im nächsten Moment versucht der andere Driver zu töten, Driver kommt ihm zuvor und tötet den Mann.
Das sind gemeinhin Indizien für Abweichungen vom Normativen. Sallis erzählt die Geschichte seines Protagonisten mit Rückblenden, die allerdings nicht begründen sollen, warum hier einer „aus der Bahn geworfen“ wurde. Soziales und kommunikatives Handeln sind in Drivers Vita nie etwas anderes gewesen als außerhalb der Gefühlswelt auszuübende „Jobs“. Statt so etwas wie Moral besitzt er die berüchtigten Sekundärtugenden. Seine Arbeit erledigt er professionell, auch die Viertelmillion etwa, die ihm ja nicht gehört, gibt es sofort an die Mafia zurück
Sallis’ Roman erfüllt eine Noir-Anforderung exakt und eindrucksvoll: Was für die normale Welt zutrifft, das gilt auch für das Verbrechen. Und umgekehrt. Was natürlich den Begriff des „Normalen“ ebenso wie den des „Verbrechens“ relativiert und, ganz nebenbei, das Philosophische und das Triviale austauschbar macht. Also genau das, was man von einem Autor erwarten kann, der u.a. Raymond Queneau ins Englische übersetzt hat.
Am Ende wird das Individuum Driver auch konsequent zur quasimythologischen Figur.
„Driver war noch weit vom Ende entfernt. Es dauerte Jahre, bevor er um drei Uhr an einem klaren, kalten Morgen in einer Bar in Tijuana zu Boden ging. Jahre, bevor Manny Gilden sein Leben verfilmte. Bis dahin würde es noch weitere Morde geben, andere Leichen.“
Spätestens mit der Verfilmung seines Lebens lost sich Driver aus dem Erzählkontext und wird zum Platzhalter für einen allgemeinen Typus Mensch in der Gesellschaft.
Einhundertsechzig Seiten, keine Zeile vergeudet. So soll es sein.
P.S. Es versteht sich von selbst, dass diese 160 Seiten für 16,90 € preiswerter sind als 99% der Neunfünfundneunzig-Schnäppchen...
dpr
James Sallis: Driver. Liebeskind 2007 (Original: „Drive“, 2005, deutsch von Jürgen Bürger). 160 Seiten. 16,90 €
6. September 2007
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