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Sabine Thiesler: Der Kindersammler

(In der Berufsschule nimmt Azubi Jochen gerade "die euphorische Rezension" durch. Und weil er auch in der Praxis ausprobieren soll, wie das ist, wenn man ein Buch mal so richtig lobt, haben wir ihm Sabine Thieslers "Kindersammler" zur Besprechung zugeteilt. Genau das Richtige für Splatterfan Jochen! Kindermorde, wow! Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, he! Das ist so richtig schön blutig und grauslig, bruah! Und was passiert: Jochen ist ir-gend-wie restlos begeistert. So begeistert, dass er am Ende sogar noch Kommas herschenkt. Oder Kommata, wie wir Abiturbesitzer von WTD sagen.)
Ich sitze da und denke: Was will dieses Buch von mir? Will es mir weismachen, dass psychopathische Kinderschänder und –mörder bemitleidenswerte Figuren sind? Will es mir erzählen, dass lesbische Paare Kinder adoptieren können? Oder möchte es mir die Toskana als Zufluchtsort mit gutem Essen und wild-romantischer Landschaft vorstellen?
All das und nichts davon. Ich weiß nicht, ob Sabine Thiesler glaubt, sie hätte einen Kriminalroman geschrieben, einen Hochspannungsthriller mit realistischen Ansätzen und einer düsteren Grundlage. Wenn sie es denn tut – sie irrt. Und zwar gewaltig.
Denn „Der Kindersammler“ ist die wüsteste Kolportage, die man sich nur vorstellen kann. Ein Vorzeige-Exemplar für den Fortsetzungsroman des Jahres im „Goldenen Blatt“, dabei beide Augen auf eine SAT 1 Verfilmung zur besten Sendezeit gerichtet. Mit der üblichen Besetzung: Alexandra Neldel als verzweifelte Mutter, die ein Trauma bewältigen möchte und dabei dem Schöpfer des Traumas nahezu willig in die Arme läuft. Ulrike Folkerts als lesbische Polizistin bietet sich geradezu an. Die hat das drauf: von tough bis trauernd; den alternden Kommissar gibt Heinz Hoenig; der holt auch aus einer unscheinbaren Rolle was raus. Den scharfen Immobilienmakler spielt eines dieser Nullgesichter, die immer irgendwie solide ihre Nummern abziehen, deren Namen man aber schon nach dem Abspann vergessen hat. Der Rest an mittleren- und Kleindarstellern findet sich im Vorabendprogramm.
Bleibt noch die zentrale Figur „Der Kindersammler“. Wie besetzen? Mit Marc Dutroux? Passt vom Typ nicht. Jürgen Bartsch? Ist tot. Frederick West? Ebenfalls. Um es kurz zu machen: das literarische Topos des Kindersammlers ist nicht zu besetzen. All die erbärmlichen, realen pädophilen Killer haben nichts gemein mit dem fiktionalen Konstrukt „Kindersammler“. Nicht, dass so etwas nicht existiert, nur in der dargebotenen Form ist es unglaubwürdig und überflüssig. WAS soll es da zu verstehen geben? Böse Mutter, totes Bruder-Idol, klar, da kann der kleine zukünftige Päderast nicht mit umgehen, quält also Tiere, tötet Tiere, und irgendwann ist das erste Menschlein fällig. Wie aus dem Lehrbuch. Genauso liest es sich auch. Bloß ist das Lehrbuch veraltet, und hat vor allem nichts mitzuteilen, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt.
Also wird der monströse Mörder ausstaffiert: mit Tatort-Arrangements, mit an den Haaren herbeigezogenen Zufällen, die seine Unantastbarkeit glauben machen wollen. Doch nichts als verzweifelte Versuche sind, der unglaubwürdigen Geschichte einen Hauch von Spannung mit auf den Weg zu geben. Genau wie die mysteriöse Nebenfigur „Allora“, diese grenzdebile Schöne(?) aus der toskanischen Gemeinde, in die sich unser bösartiger „Held“ samt Alibigattin zurückgezogen hat. Sie wird Zeugin mindestens eines Mordes, eine unbedeutende kleine Episode am Rande. Die scheinbar alterslose Frau hat sowieso außer dem Wort „Allora“, nymphomanischen Sehnsüchten und der zauberhaften Fähigkeit einen Motorroller fahren zu können, nichts drauf, was für den Verlauf des Romans auch nur ansatzweise sinnfällig ist. Aber das peppt die Geschichte so schön auf: eine mysteriöse Nebenfigur, die die Wahrheit offenbaren könnte, wenn… ja, wenn es denn irgendeine Wahrheit gäbe. Stattdessen: verlogene Ansichten aus einer erfundenen Märchenwelt, die so tut, als wäre sie eine Parabel. Die leider nichts mitzuteilen hat. Außer gnadenlosem Desinteresse an den Opfern. Und einer zweifelhaften Obsession für dunkle Leidenschaften, die viele Menschen nach 21 Uhr literarisch oder visuell so gerne bestaunen. Ein ausgekotztes Nichts. Blind der eigenen Idiotie gegenüber, blind vor allem dem Leiden gegenüber. Dem Leiden der Kinder UND dem Leiden (an) der Welt. Aufgesetzte Entrüstung alleweil und billigende Selbstbefriedigung zum Schluss. Ein grottenschlechtes Buch.
Jochen König, der dachte mit Karin Slaughter und Anne McLean Matthews schon Tiefpunkte erreicht zu haben – und irrte. Tiefer runter geht immer.
PS.: Jeden noch so kleinen Einwand, den ich gegenüber Stefano Massarons „Die toten Kinder“ geäußert habe, nehme ich umgehend zurück und verneige mich in Ehrfurcht. Manchmal muss man erst das Dunkel der Dummheit ertragen, um den Wert eines intelligenten Lichtblickes wirklich schätzen zu können.
PPS.: , , , , , spendiere ich Georg gerne.
Sabine Thiesler: Der Kindersammler. Heyne 2006. 528 Seiten. 8,95 €
5. September 2007
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