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Krimimehr

"Krimiweisheiten aus dem BÜRGERECK". So heißt eine neue Serie, in der wir zufällige Gäste der bekannten einheimischen Gaststätte BÜRGERECK zu fortgeschrittener Stunde mit krimiaffinen Themen konfrontieren und um möglichst empirisch abgesicherte Weisheiten zum Genre bitten. Heute wollen wir uns anhören, was Karl-Heinz T. nach sieben "Männergedecken" (1 Pils, 1 Klarer, 1 Klosterfrau Melissengeist) zu sagen hat.
Nein, es lässt einem keine Ruhe. „Mehr als ein Krimi“, "über das Genre hinaus“ … da schwillt sogar dem notorisch netten →Tobias Gohlis die Kollerader kindskopfdick, Krimidummdeutsch ist das, aber selbst das Unterirdische muss doch irgendwo einen Ausgang nach oben haben, nur wo, bitteschön, ist der? Oder anders gefragt: Was ist ein Krimi, wenn er mehr als ein Krimi ist?
Ganz schreckliches Eingeständnis: Ich kann diese Frage beantworten. Es macht überhaupt keine Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wohin man gelangt, wenn man diesen Mehrwert sucht: zu den Kritikern nämlich. Schreibt ein Rezensent dieses „mehr als Krimi“, dann meint er unweigerlich: „mehr als mein Kopf fassen kann“. Mein Kopf? Wie das? Oder, anders gefragt: Was ist das eigentlich, Kopf? Und was ist drin?
Stellen wir uns das mal rein rezeptionstechnisch vor. Jemand liest einen Krimi. Wohin liest er ihn? In seinen Kopf selbstverständlich. Denn dort sitzt etwas, das ein Kritiker besitzen sollte: ein Gehirn. Dort wiederum, im Gehirn, sitzen Zellen – ich will das jetzt nicht ausführen, aber diese Zellen sind von Natur aus ziemlich intelligent, fast so intelligent wie ein Buchhändler, das heißt: Diese Zellen brauchen nur auf einen Buchumschlag zu gucken und schon wissen sie: Aha, ein Krimi. Wenns denn draufsteht. Manchmal steht „Kriminalroman“ drauf, da sagen sich die Zellen schon: Obacht, da steht Roman dabei, vielleicht ist das ja Literatur und überhaupt kein Krimi und wenns kein Krimi ist, dann ist es sofort „mehr als Krimi“.
Der Kritiker liest also in seinen Kopf, in sein Gehirn, in seine Zellen. Und siehe: Es ist ein Krimi. Weils nämlich draufgestanden hat und der Kritiker, wenn er Krimikritiker ist, einen Krimi quasi von berufswegen lesen muss, er liest gar nichts anderes, kriegts ja nicht bezahlt, außer Harry Potter auf Englisch in der U-Bahn, das zeugt von Abitur.
Das ist wie in der Backstube, verstehen Sie? Also in der Backstube: Da wird Brot gebacken. Aus Mehl. Wenn jedoch der Bäcker feststellen muss, nanu, auf dem Sack da steht „Mail“, aber es sind Smarties drin, dann bäckt er eben mit Smarties und nennt das Ergebnis „mehr als ein Brot“. Weil er kann ja nicht sagen: Das sind gebackene Smarties und sie schmecken scheußlich. Klar, ja? Und so geht es einem Krimikritiker, der etwas liest, das gar kein Krimi ist, obwohls draufsteht, sondern, sagen wir mal: irgendso ein gesellschaftsrelevant kritischer Dünnpfiff, dass du garantiert auch dünnpfeifst, aber jetzt mal ehrlich: Davon kann ein Krimikritiker nicht leben. Er muss eine Krimikritik schreiben und er kann das dann auch nicht Dünnpfiffkritik nennen, sonst wäre er ja rein logisch ein Dünnpfiffkritiker, was aber kein Mensch sein will außer denen im Fernsehen. Er kann höchstens feststellen, dass das, was er da gelesen hat, überhaupt kein Krimi ist, nur da wären wir wieder beim Bäcker, der auch gucken muss, wo er bleibt mit seinen gebackenen Smarties und der doch der Omma nicht sagen kann, hör ma Omma, das ist kein Brot, das sind Smarties, die ziehen dir das Gebiss aus, also lass ma die Finger von.
Das Problem ist also: Der Kritiker hat etwas gelesen, das heißt, seine Zellen haben festgestellt: Uh, ich pack das nicht. Soll Krimi sein, ist aber nicht Krimi. Soll nicht höhere Literatur sein, ist es aber, denn höhere Literatur ist qua definitionem alles, was nicht unterhält und ein Krimi sollte schon unterhalten, sonst wärs ja kein Krimi, sonst wärs gleich Literatur, aber für die ist der Kritiker – und jetzt kommts! – ja gar nicht zuständig, davon müsste er nämlich etwas verstehen, deshalb ist er ja Krimikritiker geworden, weil er von Literatur nichts versteht und von Krimis auch nicht, aber er muss drüber schreiben, als wärs ein Krimi, und weils partout keiner werden will, er kann sich die Finger wundschreiben, ist es halt mehr als ein Krimi, nämlich gar kein Krimi oder doch einer, aber der Krimikritiker ahnt nichts davon.
So geht’s ab in den Zellen da oben, man glaubt es nicht. Krimikritiker ist schon ein Scheißberuf. Und jetzt leckt's mich doch...
dpr
16. November 2007
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