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Erik Larson: Marconis magische Maschine

Wahrscheinlich wäre der „Fall Crippen“ bei aller Bizarrheit heute längst vergessen, hätte ihn nicht ein Detail in die zweifelhafte Ruhmeshalle der großen Verbrechen befördert. Ein von seiner Ehefrau geknechteter, dazu mit einer jungen Geliebten gesegneter Mann greift zum letzten Mittel. Er tötet seine Frau, beint sie aus, häutet sie, vergräbt die Innereien und entsorgt den Rest auf bis heute mysteriöse Weise. Bizarr, sagte ich doch. Dann flüchtet er – die Polizei ist ihm nicht einmal wirklich auf den Fersen – mit der Geliebten, die als Junge verkleidet ist, nach Rotterdam. Die beiden besteigen dort ein Schiff, die SS Montrose, nach Kanada, wo sie in Sicherheit sein und ein neues Leben beginnen werden. Alles geht gut...

Korrigiere: Alles wäre gut gegangen, hätte nicht Jahre zuvor ein junger Italiener namens Guglielmo Marconi damit begonnen, sich mit der drahtlosen Kommunikation zu beschäftigen. Die von ihm entwickelte und zum Zeitpunkt des Crippenfalles 1910 schon praktisch erprobte Funktechnik ist es, die den flüchtigen Mörder seinem Schicksal nicht entkommen lässt. Crippen wird an Bord der Montrose erkannt, der Kapitän funkt nach London, wo sich sogleich ein Beamter von Scotland Yard an Bord eines schnelleren Schiffes auf den Weg macht und den schockierten Mörder in Empfang nimmt. Und die ganze Welt verfolgt das Spektakel „live“ mit.

Erik Larsons Buch erzählt die Geschichten der beiden Protagonisten Marconi und Crippen. Kein Krimi, überhaupt kein Roman, aber spannend wie die gelungenen Vertreter des Genres. Wir werden Zeugen des ersten medialen Kriminalfalles, der „in Echtzeit“ über die Bühne geht, von der Hauptperson Crippen unbemerkt, true crime als Inszenierung und „Event“.

Aber Larson gelingt in seinem genauen, dabei aber des öfteren putziger historischer Details wegen witzigen Bericht noch mehr. Er führt uns zwei eigentlich grundverschiedene Männer vor, die doch vieles gemeinsam haben. Der junge Marconi, Spross einer reichen Familie (seine Mutter entstammt der englischen Jameson-Dynastie), kommt mit seiner noch unausgereiften Erfindung nach London und setzt sich gegen allerlei Widerstände letztlich durch. Ein manischer Arbeiter, privat eher indifferent, ja asozial, als Physiker nicht einmal durchschnittlich, alles was er erreicht, erreicht er durch Experimente und Intuition (den Physiknobelpreis bekommt er dennoch). Crippen, der amerikanische Arzt, der ebenfalls nach London kommt, um sein Glück zu machen, sich als Vertreter für obskure Arzneien durchschlägt, ein schmächtiger, freundlicher Mann, dessen bessere Hälfte als lärmende Walküre von geradezu anobellesker* Dominanz auftritt.

Beide sind, obwohl Naturwissenschaftler, Instinktmenschen. Marconi mit einem zwar klar umrissenen, doch eigentlich blindlings angesteuerten Ziel, Crippen vom Schicksal dazu verdammt, in einer schier ausweglosen Lage ebenso blindlings nach der Tür in die Freiheit zu suchen. Die Lebenswege der Männer kreuzen sich nicht; und dennoch bestimmt der eine das Leben des anderen, gelingt Marconi mit dem Fall Crippen der endgültige Durchbruch, während Crippen durch die Obsessionen eines jungen Italieners am Galgen endet.

Das ist, wie gesagt, sehr schön und schlüssig erzählt. Ein Buch über die Vermengung von True Crime und medialer Inszenierung, die zwar nicht „neu“ zu nennen ist, im Fall des Dr. Crippen jedoch erstmals in ihrer heutigen Ausprägung zu besichtigen. Spannend.

anobellesk: überragend, gigantisch, einzigartig (siehe auch →gargantuesk →kafkaesk). Der Autor dieser Wortschöpfung schenkt sie hiermit Fräulein Anobella zu Weihnachten.

dpr

Erik Larson: Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation. Scherz 2007 (Original: „Thunderstruck“, 2006, deutsch von Gabriele Herbst). 448 Seiten. 19,90 €

20. Dezember 2007

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