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Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels

Über Thomas H. Cooks „Das Gift des Zweifels“ hat sich bereits Kollege Bernd anlässlich der →Besprechung der amerikanischen Ausgabe seine Gedanken macht, deren Quintessenz nichts hinzuzufügen ist. Ein äußerst lesenswertes Buch. Fragen wir uns bei Gelegenheit der deutschen Übersetzung: Wie arbeitet Cook eigentlich?
„Das Gift des Zweifels“ schildert den allmählichen Verfall einer Bilderbuchfamilie. Die achtjährige Ami verschwindet spurlos aus ihrem Bett, der Teenager Keith Moore, ihr Babysitter, gerät in schlimmen Verdacht, leugnet aber die Tat. Selbst sein Vater Eric, aus dessen Ich-Perspektive die Geschichte aufgerollt wird, zweifelt an der Unschuld des Jungen – und so nimmt die Tragödie ihren Lauf.
Das Moment des Zweifelns ist allgegenwärtig und führt uns zu einem Schlüsselbegriff der Genreterminologie: suspense. Suspense meint stets, etwas zu erwarten, dessen Eintreffen noch nicht feststeht. Ich bin als Leser gespannt darauf, was passiert – ich ahne es, ahne aber auch, dass es anders kommen kann als erwartet. Dem suspense immanent ist also immer der Zweifel.
Cook entwickelt nun eine ganze Reihe von solchen Spannungsbögen, die auf dem Zweifel, dem Misstrauen basieren, und seine Kunst besteht darin, sie so geschickt miteinander zu verknüpfen, dass sie wie ein System kommunizierender Röhren arbeiten. Es beginnt mit der Erzählsituation. Eric Moore erzählt die Geschichte retrospektiv. Die Katastrophe ist eingetreten, das Familienglück – wie auch immer – zerstört. Jetzt sitzt Moore irgendwo und wartet (auf was?) und erzählt. Wir tun gut daran, bereits hier an der „umfassenden Wahrhaftigkeit“ der Geschichte zu zweifeln, denn Moore weiß natürlich mehr, als er uns preisgeben darf.
Aus diesem Spannungsbogen der eigentlichen Handlung um das Verschwinden der kleinen Amy und die Auswirkungen auf die Familie Moore erwächst ein zweiter, der das Schicksal von Moores „erster Familie“ abdeckt. Diese erste Familie – Erics Eltern und Geschwister – ist längst zerbrochen und hat also schon durchlitten, was der „aktuellen Familie“ erst noch bevorsteht. Dabei kommt es zu beziehungsreichen Korrespondenzen. So übernimmt etwa Keith, der im Grunde ungeliebte, weil sehr phlegmatische und durchschnittliche Sohn, die Rolle von Erics älteren Bruder in der „ersten Familie“. Und so wie ein Verbrechen die Dinge ins Rollen bringt, so sucht Eric auch für den Zerfall seiner ersten Familie ein Verbrechen verantwortlich zu machen – ein weiterer Spannungsbogen, der entsteht, weil am status quo gezweifelt wird.
Damit nicht genug. Wer zweifelt, der entwirft Hypothesen. Darin ist Eric ein Meister. Nicht nur, dass er sich überlegt, warum sein Sohn Amy etwas angetan haben könnte – er wird auch seinen älteren Bruder (der, nebenbei, in einem Suspense-Seitenstrang immer als „wahrer Täter“ verdächtig ist) durch eine solche Hypothese endgültig vernichten – stellvertretend für seinen Sohn.
Das klingt jetzt sehr kompliziert. Ist es auch. Das Überraschende jedoch (und daran kann wirklich nicht gezweifelt werden): Cook entwickelt seine komplexe Welt in einer recht gradlinigen Story. Auf ihre Schliche kommt indes nur, wer an dieser Gradlinigkeit zweifelt.
Verblüffend daran auch, dass Cook hier beinahe pausenlos suspense aus suspense entwickelt, ohne dabei auf die herkömmlichen Werkzeuge des Genres zurückzugreifen. Der eigentliche Fall spielt die Rolle des Auslösers, mehr nicht. Erst am Ende laufen die Fäden konventionell zusammen und runden das Bild einer wahren Kathedrale von suspense. Wer sich in Zukunft über diesen zentralen Begriff Gedanken machen möchte, dem muss Cooks Buch als allererstes Referenzwerk gelten.
Thomas H. Cook: Das Gift des Zweifels. Knaur 2007 (Original: Red Leaves (2005), deutsch von Reinhart Tiffert). 316 Seiten. 7,95 €
dpr
24. Januar 2008
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