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Die Woche der Erzähltheorie des Kriminalromans -2-
Bilder einer Lesung
Hörbücher kommen mir nicht ins Haus. Ich will nicht die Stimme eines anderen hören und schon gar nicht seinem Vorlesetempo folgen müssen. Und was sind Autorenlesungen anderes als Hörbücher, nur mit dem Unterschied, dass letztere durch Tastendruck zum Schweigen gebracht werden können, was bei leibhaftigen AutorInnen aber selten funktioniert und nur durch schleunige Flucht simuliert werden kann? Die aber wiederum ziemlich aussichtslos ist, wenn man, von seinesgleichen ziemlich eingekeilt, in engen Stuhlreihen sitzt.
Nun, ich hatte es nicht anders haben wollen. Montag 19.30 Uhr, Schalterhalle der örtlichen Volksbank (in der ich einmal in den Schulferien für 350 DM drei Wochen lang gearbeitet habe; positives Ergebnis: Die Erkenntnis, niemals "Banker" werden zu wollen), ca. 30 Stühle, allesamt mit Krimihörwilligen besetzt, fünf bis zehn kommen noch dazu, weitere Stühle werden vom Bankpersonal herbeigebracht, "gut besucht" nennt man das auf dem platten Land.
Auftritt Kerstin Rech. Das war jetzt wirklich nicht geplant, das war spontan. Geh doch mal hin, hör dir das mal an. Wenigstens kein sprachschludernder Hobbykriminalist, kein in die Winzigkeit seines eigenen Humors verliebter Langweiler im Taumel des Regionalkrimitums. Und das Buch, aus dem Kerstin Rech heute Abend lesen wird, kenne ich auch schon, "Schenselo" heißt es, kann also nicht so schlimm werden.
Wird es auch nicht. Kerstin Rech liest gut, die ausgewählten Kapitel passen zueinander, dazwischen gibt sie knappe Erklärungen zum Verständnis der Passagen. Sehr schön, doch. Nach einer Stunde ist dann alles vorbei. Die PR-Vertreterin der Bank, die uns mit launigen Worten ("Ich begrüße die Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung" – außer dem Leiter des Kulturamts war niemand aus den begrüßten Gruppen vertreten) in die Veranstaltung eingeführt hat, beschließt diese auch mit dem Hinweis, es seien jetzt Rotwein und Bretzeln bereit gestellt, man könne Bücher kaufen und sich signieren lassen, damit sei "der offizielle Teil" beendet.
Das überrascht mich. Ist es bei Autorenlesungen nicht üblich, dass sich der oder die Lesende den drängenden Fragen des Publikums stellt? Hier und heute anscheinend nicht. Ein paar Gläser Rotwein werden geleert, einige Bretzeln gegessen (beides nicht von mir; ich bin müde und gehe heim), das wars. Keine Diskussion. Merkwürdig für eine Veranstaltung, die innerhalb einer Reihe "Dialog" stattgefunden hat.
Und das Fazit? Zu solchen Krimilesungen gehen hauptsächlich Frauen (ca. 80 %), sie wollen nur zuhören, sonst gar nichts. Eine Hälfte verlässt die Schalterhalle sofort nach dem Ende der Lesung, die andere schnappt sich ein Glas Wein und oder kauft (käuft?) ein Buch und lässt es sich signieren. Lohnt das den Aufwand? Dass man die Autorin einmal leibhaftig sieht und ihre Stimme hört?
Dabei läuft ab, was auch beim Lesen abläuft. Das Gelesene setzt sich zu Bildern zusammen, diese werden zu einem Film. Gut, beim Selberlesen kann man nicht die Augen schließen, mein Vorgelesenbekommen schon und einige tun das auch, wie ich sehe, denn ich halte die Augen geöffnet. Wenn ich sie jetzt zu mache, schlafe ich ein, und das liegt keineswegs an Kerstin Rech oder ihrem Vortrag.
Ich betrachte mir die Umgebung. Vor mir hängt eine Uhr. Neben mir ein kleines Tischchen mit Prospekten, ich lese "Riesterrente" und einen knalligen Werbespruch dafür, den ich aber sofort wieder vergessen habe. Kerstin Rech ist eine konventionelle Erzählerin, was sich vor allem darin zeigt, dass sie vollständige Sätze schreibt und man immer weiß, wo man gerade ist, welche Person den Fokus hat. Sie erzählt auch, was die Leute, aus deren Sicht man durch die Handlung geht, so denken. Mit "innerem Monolog" hat das nichts zu tun, aber einen inneren Monolog gibt es natürlich doch: in mir. Ich frage mich zum Beispiel, was die ältere Frau zwei Reihen vor mir (ich kenne sie vom Sehen, sie ist heimatkundlich interessiert) in ihrem Kopf wälzt, als die Rede auf ein Heimatmuseum kommt. Was denkt die Frau neben mir, wenn der kleine Emil unter dem Verlust des Vaters leidet? Echauffiert sich der Herr außen links, als Frau Rech einmal "Furz" vorliest?
Natürlich, all das gehört nicht zum Text, der wie gesagt ein konventioneller Erzähltext ist, kontinuierliche Handlung mit Einblicken in die Psyche der Personen. Aber das ist ja nicht alles, was er ERZÄHLT. Er schafft Bilder und kleine Filme, das auf jeden Fall. Er vereinigt sich mit anderen Texten, die man selbst schreibt, wenn man seinen Blick schweifen lässt oder innerlich monologisiert. Das Vorgelesene klinkt sich in die Reflexionen der Zuhörer ein – oder umgekehrt.
Ich überlege mir im Nachhinein, was passiert wäre, hätte nicht Kerstin Rech gelesen, sondern ein "experimenteller Autor", ja, stelle mir sogar vor – kostet schließlich nichts – James Joyce zuzuhören, wie er – nein, nicht aus dem "Ulysses", das wäre zu einfach – aus "Finnegans Wake" liest. Ob mein Zuhören wesentlich anders gewesen wäre? Ob ich mir nicht das Erzählte auch als eine Handlung hätte vorstellen MÜSSEN, weil es gar nicht anders geht?
Wahrscheinlich. Aber eins ist klar. Die Kontinuität, die ich beim Zuhören zwangsläufig herstelle, wäre bei Joyce eine andere. Bei Kerstin Rech müsste ich, um einem Dritten zu erzählen, was da gelesen wurde, den Inhalt paraphrasieren. Bei Joyce oder – nennen wir Krimiautoren – bei Pablo De Santis oder Robert Littell oder Mordechai Richler – würde ich ohne Zweifel analytisch vorgehen müssen, erzähltheoretisch. Denn es wäre eindeutig, dass mir nicht nur eine Handlung erzählt wird, sondern etwas hinter dieser Handlung darauf wartet, dechiffriert zu werden. Tut es bei Rech auch, nebenbei, aber es ist offensichtlicher, auch Handlung. So gesehen, steht Kerstin Rech für das Gros Ihrer KollegInnen, der Text schottet sich ab, indem er seine eigene Kontinuität unterstreicht, die ihm immanente Logik der Handlung. Alles was von außen kommt (und es kommt beim Zuhören eine Menge von außen, so wie beim Lesen übrigens auch), wird als Eindringling betrachtet und heißt dann "mangelnde Konzentration". Ein Qualitätskriterium dieser Literatur ist der Grad ihrer Befähigung, die Leser "in ihren Bann" zu ziehen, sie "alles andere vergessen" zu machen, sprich: Das Leseerlebnis seiner weiteren Phänomene zu berauben. Je "abgelenkter" ich bin, desto mehr lässt DIE SPANNUNG nach. Und das ist ein schwerwiegendes Argument für die These, dass Kriminalliteratur immer nur traditionell, stringent und von Handlung dominiert erzählt werden sollte.
Aber das ist eine andere Baustelle, der wir uns beim nächsten Mal widmen wollen.
dpr
12. Februar 2008
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