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Michael Chabon: The Yiddish Policemen's Union

Was wäre passiert, wenn die Juden nach dem Holocaust nicht nach Israel ausgewandert wären, wenn sie den Palästinakrieg 1948/9 nicht gewonnen hätten, sondern wenn die Überlebenden in, nu, Alaska gelandet wären? Für eine kurze Zeit hatte man wohl in Washington über so eine Option nachgedacht.
Michael Chabons Buch greift diese Idee auf und spinnt sie fort. Sitka ist eine blühende Stadt, über 2 Millionen Einwohner, freies jüdisches Gebiet, nördlich von Alaska, nicht zu Alaska gehörend, nicht 51. Staat, irgendwie mit den stolzen Tlingit-Indianern im ewigen Dauerstreit und nun vor der finalen Abwicklung stehend, denn in Washington hat man beschlossen, die Stadt Alaska zuzuschlagen. In so einem Gebiet spricht man natürlich Yiddisch, nicht Hebräisch, die Sprache des sonnenflirrenden Mittelmeers.
Meyer Landsman ist Polizist in Sitka, was nach der Abwicklung geschehen mag, ist unklar. Erst einmal hat er die Leiche von Emanuel Lasker, eines Mitbewohners des Hotels, in dem er wohnt, auf dem Gewissen. Der Hausmeister hatte diese gefunden und ihn als erstes geholt und ganz so einfach wie die Hierarchie, die ihm durch seine Ex, seine neue Vorgesetzte, mitteilte, dass dieser Fall keine Priorität hat, kann er sich's nicht machen.
Zusammen mit seinem Partner, ein Cousin und auch indianischer Abstammung, arbeitet er sich durch die jüdische Stadt, lernt einflussreiche Kreise kennen und kehrt zu seinen und den Wurzeln der Stadt zurück.
„The Yiddish Policemen's Union“ ist eine dieser Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Geschichten. Es ist eine üppige Erzählung, Dutzende von Geschichten fügt der Autor ein und kristallisiert seine Figuren in Wolken von Anekdoten. Das fügt sich zu einem unterhaltsamen, bisweilen witzigen Buch, welches von einer jüdischen Welt berichtet, die sich wenig von der realen nicht-jüdischen unterscheidet (aber das ist vermutlich auch so gewollt).
Ist das auch Krimi? Ein literarischer Autor, ein Pulitzerpreisträger gar, wie Chabon steht ja unter dem üblichen Generalverdacht, der sich gegen alle „Literaten“ richtet und dahin geht, dass sie das Genre zweckentfremdeten. Anders als der Stil ist die Sprache, gerade am Anfang, genregerecht knapp und kurz, Dialoge und szenische Darstellungen kommen ohne Extravaganz daher und doch baut sich eine eigene Welt auf. Allerdings droht immer ein wenig, dass die Kriminalhandlung unter den Anekdoten verschüttet wird.
Es ist ein sehr gutes Buch und, so dachte ich anfangs, ein sicherer Gewinner des Edgars, am Ende war ich mir aber nicht mehr so sicher. Anders als Benjamin Blacks Christine Falls wirkt „The Yiddish Policemen's Union“ nicht als Panache, sondern authentisch und so als wäre es in Chabons üblichem Stil geschrieben: Wer so schreibt, mag auch Bücher schreiben, die den Pulitzer gewinnen. Aber (es ist ein kleines Aber!) es endet in einem Borderlinekrimi. Detektivische Arbeit findet auch statt, aber die üppige Ausstattung, voll mit Bildern und Anspielungen auf's jüdische Leben, lässt nur ein gewisses Spannungsniveau zu.
Dr. Bernd Kochanowski
Michael Chabon: The Yiddish Policemen's Union. Harpercollins 2008. 8,45 € (deutsche Ausgabe: Die Vereinigung jiddischer Polizisten. Kiepenheuer & Witch 2008. 384 Seiten. 19,95 € )
25. März 2008
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