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April, April!

„Meine Dame – meine Herren!“

Wie üblich kleben die Augen der Redaktionsmitgliederinnen an des Chefredakteurs Lippen, an denen wiederum die Reste eines opulenten Frühstücks aus Vollkorn-Croissants und Kraftmüsli kleben.

„Es ist April!“ verkündet der Chef, „Und das heißt: Zeit für einen Aprilscherz! Irgendwelche Vorschläge?“

Wir schauen uns irritiert an. Anobella, einziges weibliches Wesen in der Runde und daher bei Womanizer Walter mit carte blanche unterwegs, wagt einen bescheidenen Einwand:

„Aber Chef! Der erste April ist doch schon vorbei!“

Walter mustert die Einwenderin mit dem milden Blick eines gütigen Vaters, bei dem so langsam die Nerven blank liegen.

„Ich sagte APRIL-Scherz. Nicht ERSTER-APRIL-Scherz! Immer auf die Wörter achten, mein langbeiniges Reh! Dann wirst du es irgendwann noch einmal zur Herausgeberin einer hervorragenden Krimi-Anthologie namens Hell’s Bells bringen.“

Also überlegen wir. Wie immer ist es Azubi Jochen, den die Kraft seiner Jugend zum schnellsten Denker des Teams macht.

„Ich habs! Wir behaupten einfach, Günter Grass würde einen schmutzigen kleinen Krimi schreiben!“

Fassungslos fixiert Chef Walter den sogleich zu zittern beginnenden Stift.

„Soll das ein Witz sein? Günter Grass schreibt einen Krimi?! Unser beliebtester Literatur-Nobelpreisträger seit Heini Böll? Das glauben Sie doch selbst nicht! Und überhaupt: Bringen Sie den Mann nicht auf dumme Gedanken! Der ist imstande und haut sofort ein Thrillerchen raus. Weitere Vorschläge! Aber vernünftige! Ich höre!“

Endlich fasst sich Bernd ein Herz. Der Hobby-Bakteriologe und –Modelleisenbahner hebt zaghaft den Finger.

„Könnte man nicht... ich meine... behaupten, die Tatsache, dass jemand gerne Krimis liest, sei nicht dem Krimi als solchem geschuldet, sondern vielmehr einem Virus namens... nun ja, vielleicht virus criminalis... ich meine...“

„Ich meine“, unterbricht Walter scharf, „Sie sollten lieber ihre Modelleisenbahn aus dem Flur räumen!“ Bernd bricht zusammen und wird in die Erste-Hilfe-Kabine getragen, wo sich unsere ukrainischen Zwangspraktikantinnen rührend um ihn kümmern.

Lange Zeit ist es still im Redaktionszimmer. Der Blick des Chefs schweift über die verschwitzten Häupter seiner verbliebenen Vasallen – und bleibt an dem des Abteilungsleiters Kriminalliteratur hängen.

„Dpr! Sie sind hier Führungskraft! Einen Vorschlag, wenn ich bitten dürfte!“

Dpr räuspert sich.

„Nun... wie wäre es, wenn wir bekanntgäben, dass der Kriminalroman-Erstling unserer geschätzten Kollegin Anobella endlich fertig sei? Darauf wartet die Fachwelt, darauf warten die LeserInnen.“

Der Chef schlägt mit der Faust auf den Tisch!

„Das glaubt uns doch kein Mensch! Irgendeine potentielle Realitätstüchtigkeit, wie es Ihr geschätzter Kollege Wörtche zu nennen pflegt, sollte die Meldung schon haben! Und wenn wir behaupten, Fräulein Anobella sei endlich zu Potte gekommen – nun, das ist so, als stünde in der Zeitung, Anne Chaplet und Jan Seghers hätten endlich einander geheiratet!“

Wieder schweigt alles. Bernd ist, überirdisch lächelnd und mit verbundenem Kopf, zurückgekehrt, Fräulein Anobella hat begonnen, ihre Fußnägel zu lackieren, Jochen blättert im neuesten Vespa-Katalog und dpr füllt sich erneut sein Glas mit selbstgebranntem Wodka. Der Chef ist in sich versunken. Er meditiert mit geschlossenen Augen. Und öffnet diese schließlich, nicht weniger überirdisch lächelnd als Bernd.

„Ich habs“, flüstert er triumphierend. „Wir schreiben einfach, der völlig unbekannte Krimiblogger Menke sei wegen uneidlichen Falschaussagen über Kriminalromane in mindestens 187 Fällen zu drei Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt worden!“

Sofort kommt Leben in die Runde, man gröhlt, man lacht, man ruft launig aus.

„Wirklich wahr? Klasse!“

„Das Recht hat gesiegt!“

„Ich konnte den noch nie leiden!“

„Da kann er im Knast wenigstens seinen Hauptschulabschluss nachmachen!“

Und so geschah es wundergleich, dass wieder einmal ein hervorragender Aprilscherz geboren wurde. Wir sind so stolz auf unseren Chef.

dpr

4. April 2008

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