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Rasch in ein vorläufiges Fixierbad getauchte Gedanken

Was muss sich dort abgespielt haben … welcher Schriftsteller übernimmt einen Versuch der Darstellung ?(Bernd)

je länger ich mir das anschaue, um so weniger kann ich glauben, daß die Literatur (oder die Kriminalliteratur) das richtige Medium für dergleichen ist. (JL)

Hier geht’s →ums Eingemachte. Vierundzwanzig Jahre lang hält ein Mann in Österreich seine Tochter im Keller gefangen. Er zeugt mit ihr Kinder, von denen einige ebenfalls in diesem Keller verbleiben müssen, andere von „Oma und Opa“ großgezogen werden. Niemand will etwas davon gewusst haben: die Oma nicht, die Nachbarn nicht, die Behörden nicht. Das ist der Stoff, aus dem man starke Romane schreibt (oder, um Arno Schmidt zu paraphrasieren, starkgebärdige), Gewichtsklasse griechische Tragödie. Aber zunächst ist es nun einmal Stoff; Stoff wie jeder andere, Rohstoff.
Ich muss gestehen, dass mir, als dieser Fall am Wochenende bekannt wurde, erst einmal zwei recht zynische Gedanken eingefallen sind. Der erste bemitleidete Thea Dorn, die in „Mädchenmörder“ das Verhältnis Täter / Opfer am Beispiel der Entführung einer Gymnasiastin durch einen „serial killer“ thematisiert und damit all die Spekulationen des Schicksals von Natascha Kampusch genregerecht inszeniert hat. Jetzt holt sie „die Wirklichkeit“ ein. Der neue „Fall“ ist noch ungeheuerlicher, noch besserer Stoff – wenn (und das war der zweite zynische Gedanke) wenigstens die inzestiöse gezeugte neunzehnjährige Tochter eine halbwegs passable mediale Erscheinung abgibt, also hübsch, adrett ist und (jetzt steigere ich den Zynismus noch ein wenig) vielleicht auch von ihrem Großvater / Vater vergewaltigt wurde.
Sich solche Gedanken um einen „Stoff“ zu machen, ist aber genaugenommen gar nicht zynisch. Es sind die ersten Verarbeitungsversuche einer Darstellung und sie führen natürlich voll in die Richtung „Krimi“. Ich entnehme der Wirklichkeit ein paar Fitzelchen Fakta und züchte meine Literatur aus ihnen. Wirklichkeit, wie sie unter Laborbedingungen entsteht. Etwas in die Petrischale legen, manipulieren, warten, was sich daraus entwickelt.
Bernds spontanes Verlangen nach wenigstens dem Versuch einer Darstellung ist verständlich, gibt er doch das wieder, was wir von Literatur erwarten: Sie soll uns das Unfassbare fassbar machen. JLs Replik misstraut dieser Kraft des Wortes – nicht generell, wage ich zu vermuten, aber doch dort, wo mit „Darstellung“ „adäquate Abbildung“ intendiert wird. Und tatsächlich scheint es nicht möglich, qua „Abbildung“ Fassbarkeit zu erwarten. Erstens, weil es eine Abbildung von Wirklichkeit im fotografischen Sinne ja nicht gibt – weder in der Literatur noch anderswo (auch nicht, nebenbei, in der Fotografie selbst, die nicht nur ein Ausschnitt ist, der aus dem Kontext gelöst wird, sondern obendrein einen Zustand fixiert, den es so niemals „in Wirklichkeit“ gibt). Zweitens ist das, was wir literarische Abbildung nennen könnten, schon im Moment des ersten Schritts Inszenierung, Manipulation eines Stoffes in Richtung seiner Fassbarkeit, seiner Beherrschung.
Aber das ist jetzt schon zu theoretisch, ich will es praktischer zu erklären versuchen, gewissermaßen autobiografisch.

Wir haben uns hier, noch bevor uns die Nachricht aus Österreich zugetragen wurde, um „Spannung“ gestritten, um die Dramaturgie also, die einen (Krimi-)Stoff zu transportieren hat. Nun ist die Wirklichkeit selbst (ich nenne sie jetzt mal so; die LeserInnen wissen schon, dass Wirklichkeit etwas höchst Eigenes – und gar nicht Fassbares ist) alles andere als „spannend“, wenn man hinter ihr so etwas wie eine Dramaturgie mutmaßt. Anders: Wirklichkeit ist ein verdammt schlechter und langweiliger Krimi, und wir ertragen sie nur, weil wir sie beständig in einem „Versuch der Darstellung“ interpretieren, beherrschen wollen und,wenn schon keinen Krimi, so doch wenigstens eine soap opera aus ihr machen.
Kriminalliteratur nun ist ein solcher Versuch der Darstellung von Wirklichkeit – nein, schon falsch. Kriminalliteratur ist der Versuch, auf Wirklichkeit hinzuweisen, mit dem eigentlich unlauteren Mittel der Spannung. Wenngleich weit davon entfernt, erklären zu können, was Krimi eigentlich sei (es ist nämlich so, dass sich mit jeder Definition des Gegenstandes Krimi dieser weiter von einer Definierbarkeit entfernt), habe ich eine für mich (für viele andere nicht) plausible Arbeitshypothese entwickelt, in der „Krimi“ mit seiner Notwendigkeit, justitiable Verbrechen zu thematisieren, immer auf „die Wirklichkeit“ zurückweisen sollte, die durch nicht justitiable Verbrechen als Wirklichkeit überhaupt zusammengehalten wird (auch eine Inszenierung). Ein in diesem Sinne idealtypischer Krimi hätte also die Aufgabe, uns zu zeigen, dass justitiable Verbrechen als auf Spannung getrillte „Fälle“ zuvörderst die Funktion haben sollten, auf die durch Paragraphen des Strafgesetzbuches nicht fassbare, alltägliche und dabei Gesellschaft konstituierende Verbrechen hinzuweisen. Sie wären also dramatische Gestalt gewordene Unsichtbarkeit, denn der Clou nicht justitiabler Verbrechen besteht gerade darin, nicht als Verbrechen erkannt zu werden.
Als ich meinen Kriminalroman „Menschenfreunde“ fertig geschrieben hatte, bat mich der Herausgeber der Funny Crimes Reihe, Richard Betzenbichler, um einen kleinen Mehrwert für die hoffentlich zahlreiche Leserschaft, einen Aufsatz. Ich habe auf drei Seiten versucht, die oben genannte Hypothese ein wenig zu explizieren, weil sie auf „Menschenfreunde“ durchaus anwendbar ist – oder doch sein soll. Der kleine Aufsatz heißt „The true but not so funny crimes“ und wird hier in den nächsten Tagen / Wochen veröffentlicht werden.
Die Hypothese von den genregeeigneten Verbrechen (was nur ein anderes Wort ist für justitiabel), die uns die Verheerungen aufzeigen sollen, die durch als solche nicht erkannte Verbrechen im Alltag angerichtet werden, hat etwas mit einer anderen Hypothese zu tun, der nämlich, dass Kriminalliteratur genau so entstanden ist: als Versuch, das „Unspannende“ des Alltags via spannender Stoffbearbeitung aufzuzeigen. Es gibt sogar einen Roman, den ich – zufälligerweise gerade jetzt, ich sitze nämlich am Nachwort – als Prototyp dieser „Genrewerdung“ bezeichnen kann. Einen Roman, in dem genau das zu beobachten ist, wie nämlich aus dem verbrecherischen Alltag das krimitaugliche Verbrechen hervorgeht.
Zurück zum Ausgangspunkt, den Ereignissen in Österreich. Wir haben hier einen „Stoff“, der nicht fassbar ist, aber ein Gutes (ich werde schon wieder zynisch) hat, er ist nämlich justitiabel. Vergewaltigung, Inzest, Freiheitsberaubung – das IST geradezu Krimi, das braucht nicht mehr zu Krimi gemacht zu werden, sieht man einmal von den handwerklichen Dingen ab wie Spannungsaufbau, Figurenzeichnung etc. Hier wird Wirklichkeit nicht etwa zur Literatur – sie ist es eigentlich schon. Wozu also bräuchten wir hier die Literatur noch, was könnte sie bewirken? Eines jedenfalls nicht: etwas fassbar zu machen. Aber sie könnte den oben skizzierten Weg, von den justitiablen Verbrechen auf die nicht justitiablen, vom „unerhörten Ereignis“ auf das Alltägliche zu verweisen, gehen.
Ein Ansatz: Jemand sitzt 24 Jahre in einem Keller, wird missbraucht, gequält, ist also für jeden erkennbar Opfer. Das nämlich ist es, was das justitiable vom nicht justitiablen Verbrechen unterscheidet: Das letztere kennt nur Opfer, aber keine Täter, denn das Tätersein ist eine Definitionsfrage, eine Rechtsfrage, mithin auch das Privileg von Kriminalliteratur, die ja nicht zufälligerweise dem Täter weit mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Opfer (es bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig, weil Opfer Bestandteil des Alltäglichen sind, Täter aber immer als Sonderfälle behandelt werden und Spannung erst konstituieren).
Man könnte sich also dem Opfer zuwenden und es ganz vom Täter trennen, was bedeuten würde: Man trennt es vom Genre, man stößt es ins Alltägliche. Konkret: Es wäre ein vielleicht fruchtbarer Ansatz, die vierundzwanzig Jahre des Martyriums mit dem krimitauglichen Verbrechen beginnen zu lassen (Vergewaltigung, Freiheitsberaubung etc.) und dann allmählich den Genre zu entreißen und die Geschichte in der schieren Alltäglichkeit eines gewöhnlichen, so gar nicht von Strafgesetzen fassbaren Lebens ausklingen zu lassen. Am Ende stünde also – die Normalität, eine ganz gewöhnliche Frau, der man das Leben gestohlen hat, die in ihrem Keller dahinvegetiert – und dieser Keller könnte alles mögliche sein, ein Einfamilienhaus, ein beschissener Job, eine Folge von Abläufen (heiraten, Kinder kriegen, arbeiten, fernsehen, Urlaub machen...).
Man würde damit einen Stoff aus seinem Stoffsein, seiner Eignung als Grundlage für sinn- und erklärungschaffende Literatur nehmen und auf seinen ursprünglichen Zustand zurückwerfen. Literatur könnte also erreichen, etwas der Literatur zu entziehen, indem man einem Stoff die Spannung geradezu aussaugt, so lange, bis er derart unspannend ist, dass er wiederum spannend wäre, nicht mehr krimispannend, aber doch so spannend, dass --- Aber gut; ich schreibe das hier nur mal so hin. Wie das Ergebnis aussehen würde, ist eine ganz andere Frage, und wenn ich jetzt weiter darüber nachdenke, muss ich vielleicht feststellen, mich im Kreis zu drehen.

dpr

28. April 2008

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