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Wenn Erhängte lesen

Ein erster Blick auf die Krimimeldungen des Tages. Viel Zynismus und am Ende eine geradezu konsternierte Konsterniertheit sowie ein medizinisches Wunder: Eine Frau erhängt sich auf Usedom und liest später in Darmstadt. Well, that's crime fiction as it should be.
„Der junge israelische Schriftsteller Assaf Gavron schafft das scheinbar Unmögliche: einen vergnüglichen, unterhaltsamen Roman über Terror und deren Opfer zu schreiben.“ – das jedenfalls meint das→ „Handelsblatt“ über Assaf Gavrons „Ein schönes Attentat“ (Luchterhand). Mit dem Vergnüglichen ist es natürlich so eine Sache. Die Kriminalliteratur lebt immerhin davon, Angst und Schrecken zum Zwecke kurzweiligen Amüsements einzusetzen. Und Gavron vertraut, wenn wir dem Rezensenten Pierre Heumann vertrauen dürfen, auf „Zynismus“. Nu gut.
Wenn ich mich recht entsinne, habe ich Giwi Margwelaschwili, den Deutsch-Georgier, in den Neunziger Jahren kurz und flüchtig in einem Tonstudio des Saarländischen Rundfunks getroffen. Oder wars in der Kantine? Sei’s drum. Damals schrieb er noch keine Kriminalromane, jetzt hat er mit „Officer Pembry“ (Verbrecherverlag) einen vorgelegt und „darin spielt er immer wieder mit der Verknüpfung von Realität und Lesewelt, lässt den Leser in Handlungen eingreifen und zum Akteur zwischen den Buchseiten werden“, meint Stefan Mey vom →Deutschlandradio.
John Niven war mal Manager einer Plattenfirma, kennt sich also im Popbusiness aus. Da ist es geradezu zwangsläufig, einen Kriminalroman zu schreiben, der „Kill your friends“ (Heyne) heißt und in eben diesem Popbusiness spielt. Natürlich auch hier: Zynismus. Der aber, findet Michael Pilz von →„Welt Online“, so zielgerichtet ist, dass er „die Moral auf seiner Seite“ hat.
Die wichtigste Meldung des Tages kommt aber, wie nicht anders zu erwarten, vom →„Darmstädter Echo“. Das Blatt berichtet von einer Lesung der bekannten Herausgeberin von Krimianthologien, Frau Christiane Geldmacher, die ihre Geschichte „Ach, du bist das“ aus „Hell’s Bells“ vortrug. „Die Zuhörer im Literaturhaus genossen die anspielungsreiche Kriminalgeschichte.“ Das anschließende Gespräch mit Gastgeber Drawert indes offenbarte gar Grausliges: „Als die Autorin im Gespräch mit Drawert offenbarte, dass sie beim Schreiben an einen Punkt kommen würde, an dem sie jemanden umbringen wolle, reagierte das Auditorium konsterniert. Ebenso auf den zweiten, autobiografisch geprägten Prosatext „Wie weit das Meer“, bei dem sich eine Autorin auf der Insel Usedom ein Ferienhaus mietet und sich dort erhängt.“
Wir fragen uns nun konsterniert, wie es Frau G. gelingen konnte, in Darmstadt zu lesen, nachdem sie sich auf Usedom erhängt hat („autobiografisch geprägt“). Und noch konsternierter: Warum wird auch hier Herr Albertsen nicht erwähnt? Warum nicht Fippy in einem Halbsatz vermerkt? Warum nicht der Autor von „All inclusive“ über den grünen Klee gelobt? Merkwürdige Veranstaltung, das...
Ich danke unserem Inlandskorrespondenten luju und mir selbst. Wer auch Dank empfangen möchte, richte seine sachdienlichen Hinweise →hierher. Danke im Voraus.
dpr
9. Mai 2008
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