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Von den Profis lernen -1-
Bevor der ambitionierte Leser, die ambitionierte LeserIn an den →obskuren und einschläfernden Tipps des Herrn M. bleibenden Schaden nimmt, erklärt wtd ab sofort und in loser Folge auf streng wissenschaftlicher Grundlage, wie man artgerechte Rezensionen verfasst. Wir analysieren die Arbeit der Profis in einer jedermann verständlichen Art, wir zeigen, worauf es ankommt und wie man – binnen weniger Jahre! – eine schöne Karriere als Krimirezensent / Krimirezensent in einem Qualitätsmedium einschlagen kann. Heute: Kolja Mensing und seine →Besprechung von Colin Cotterills „Dr. Siri und seine Toten“.
In nur 29 Zeilen gelingt es dem Rezensenten des „Tagesspiegel“, drei wesentliche Anforderungen professionellen Kritikertums vorschriftsmäßig und idealtypisch zu erfüllen. Erstens: Informiere deine Leser über den Inhalt des Buches (der Autor tut es ausgiebig). Zweitens: Lies das Buch, welches du gerade gesprichst. Auch hier leistet Mensing professionelle Arbeit. Er lässt es nicht bei der Paraphrasierung des Klappentextes bewenden, sondern macht uns mit sehr putzigen Details bekannt, die nur ein aufmerksamer Leser aus der Fülle der Informationen herausarbeiten kann.
Drittens: Bilde dir eine Meinung und teile sie dem Leser mit. Auch hier: Daumen hoch für Kolja Mensing. Er sagt nicht einfach: „Das Buch ist gut“, „Das Buch ist schlecht“, nein – er sagt gar nichts. Das jedoch spricht Bände. Ungeübte LeserInnen mögen die Rezension mit den Worten „Den Inhalt les ich ja selber!“ verwerfen, doch wer genau hinliest, dem eröffnet sich im Nichts des kritischen Credos ein Universum filigranster Kritik.
„Und dieser Satz enthält mehr Wahrheit, als alles andere, was man in den letzten dreißig Jahren zum Thema Postkolonialismus lesen konnte.“
Nein, nicht DIESER Satz, sondern folgender, den Mensing mit der Souveränität seines Expertentums aus dem Text gefischt hat: „Da die Verhältnisse nicht schlechter waren als zuvor, beklagte sich niemand.“ Wichtig hier: Mensing behelligt den eiligen Leser gar nicht erst mit seinen privaten Geschmacksurteilen (etwas, das Dilettanten ausnahmslos tun!). Ihn beschäftigt die Frage, ob „Dr. Siri“ als Kriminalroman gelungen ist, ebenso wenig wie die nach der Dramaturgie, den Dialogen etc. Essentiell ist dagegen die Erkenntnis, dass sich der interessierte Leser, die interessierte Leserin dreißig Jahre Literatur zum Thema Postkolonialismus fortan schenken kann. Und das sind – wir haben es recherchiert – insgesamt 1.859 Bände alleine im Bereich der EU-Mitgliedsstaaten!
Man braucht kein „Fachmann“ zu sein, um die Vorteile einer professionellen Rezension zu erkennen. Sie ist streng objektiv, die subjektive Form, also das, was man gewöhnlich unter „Literatur“ subsummiert, ist verzichtbarer Tand. Entscheidend das Große=Ganze, der Mehrwert. Und der ist gewaltig! Legen wir nur pro Band über Postkolonialismus einen Tag Lesezeit zugrunde, dann gewinnt der Leser, gewinnt die Leserin von Mensings Besprechung ca. FÜNF JAHRE LEBENSZEIT! Zeit, die man mit Sinnvollerem füllen kann: Nacktbaden, Schmetterlingsjagd, Bloggen, Eisessen. Man kann die Zeit auch nutzen, selbst professioneller Rezensent, professionelle Rezensentin zu werden! Aber ob Herr Mensing das wirklich gewollt hat? –
dpr
16. Juli 2008
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