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Weichgekochtes

Hard Case Crime? Interessiert mich nur am Rande. Ich kenne bisher nur die ersten drei erschienenen Bände der deutschen Reihe und die nicht einmal vollständig. Neben dem netten Block gibt es da einen höchst überflüssigen Bruen / Starr und einen Guthrie, den ich angelesen, dann aber zugunsten wichtigerer Lektüre beiseite gelegt habe. Auch über die Lizenzpolitik bei Rotbuch vermag ich, da kein Insider, nichts Erhellendes zu sagen. Und die Cover? Je nun, es gibt gewiss Grauenvolleres, was aber kein Argument pro und contra sein kann.

Reichlichcontra erhält Thomas Wörtche indes vor allem für seine angebliche →Verunglimpfung aller LeserInnen, die auch gerne ein bisschen „retro“ schmökern. Nur, was ist das? Alles, was in der Vergangenheit liegt? Alles, was neu aufgeputzt und zugespachtelt in die Aktualitätenwelt platzt? Egal – warum nicht Hardboiled? Was hat der Wörtche eigentlich dagegen?

Die bisherige Diskussion zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass – ach, es wundert einen schon gar nicht mehr – der zugrunde liegende Text nicht sorgfältig gelesen wurde. Hätte man es nämlich getan, man wäre auf seine zentrale Aussage gestoßen, ein schlichtes Sätzchen:

„aber hardboiled ist und bleibt eine Einstellung zur Welt.“

Damit umreißt Wörtche die ihm wichtige Dimension von „retro“ als das „Zurückbomben“ eines Subgenres auf seine Anfänge, die man auf diesem Wege als klassisch und "abgeschlossen" verklärt. So kündigt sich der Stillstand an. Man hält eine Definition für endgültig, längst ist im Bernstein der wohligen Erinnerung erstickt, was einst gelebt hat. Es geht nicht darum, Traditionen ungepflegt verkommen zu lassen. Nur: Muss es wirklich sein, dass uns via HCC noch mehr dieser heruntergekommenen Detektive, schmierigen Kleinganoven und verruchten Kurvenwunder präsentiert werden? Geschrieben nach den Blaupausen einer längst vergangenen Epoche? Und das auch noch mit Titelbildern „im Stil der Zeit“? Welcher Zeit eigentlich? Der des Hardboiled? Die, liebe Leute, hat sich weiterentwickelt. Wer heute heruntergekommene und hartgesottene Detektive bewundern möchte, der greife etwa zu Manfred Wieninger, der modernen Hardboiled präsentiert, als „Einstellung zur Welt“ eben, ganz ohne die wohlfeile und irgendwie belanglos gewordene Ästhetik des Pulp. Völlig lächerlich ist es aber, wenn jetzt dem Autor akribisch vorgerechnet wird, welche Veröffentlichungen in der von ihm herausgeberisch betreuten Reihe metro ebenfalls „retro“ gewesen seien, der Elch also zum Kritiker mutiert sein muss. Große Begriffsverwirrung. Nicht alles, was „alt“ ist, muss „retro“ sein, nicht alles, was tatsächlich „retro“ ist, gibt sich rückwärtsgewandt.

Rückwärtsgewandt und rein ökonomisch kalkuliert sind hingegen alle Versuche, die gute alte Zeit wiederzubeleben. Was hielte man etwa von einer Reihe, in der Detektive mit großen Lupen und karierten Umhängen pfeiferauchend durch englische Moore marschieren? In der neben Conan Doyle dann auch Fritze Furchtlos SEINEN Sherlock schaurig schön becovert auf die Lesewelt loslassen dürfte? – Richtig. Das wäre „retro“ im Sinne des HCC-Ächters, ein nostalgischer Blick zurück auf eine Momentaufnahme, eine Negierung von Entwicklung, eine Verweigerung von dem, was vor einem liegt. Billiger Tand für Leute, die die letzten hundert Krimijahre unter einem Stein verbracht haben. Nun, nichts dagegen. Das ginge wahrscheinlich prächtig. So wie HCC in den USA prächtig gegangen zu sein scheint und mancher Titel sich auf Nominierungslisten wiederfand. Dass man das Ganze als harmloses Lesevergnügen goutieren könnte – in Ordnung. Aber mal die Parameter richtigstellen – das sollte ebenfalls erlaubt sein.

dpr

7. Juli 2008

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