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Krimikultur, 1

In den nächsten Tagen möchte ich in einer kurzen Serie von Beiträgen ein paar wenige provisorische Umrisse dessen zeichnen, was "Krimikultur" sein könnte. Was soll damit erreicht werden, Krimikultur zu fördern? Ja, was ist das überhaupt? Welche Schritte sind wie und wann zu unternehmen? Was soll sie füglich NICHT sein? – Beginnen wir damit, uns Gedanken über den Status Quo zu machen, warum man ihn verändern sollte – und welche Konsequenzen das haben könnte.

Was ist hier und heute Krimikultur? Ein kleines Beispiel: Vor einigen wenigen Jahren kam es zu einem fatalen Missverständnis. Die Krimidebütantin Andrea Maria Schenkel veröffentlichte einen schmalen Text namens "Tannöd", der sofort von Kritik und erstaunlich vielen Lesern als "Krimi, aber irgendwie anders, irgendwie mehr" identifiziert wurde. Das Buch verkaufte sich mehr als gut. Dann kam eine Fernsehdame daher und befand in ihrer kriminalliterarischen Ahnungslosigkeit, es handele sich bei "Tannöd" um ein beinahe epochales Werk und empfahl es ihrem Millionenpublikum. Und die Medienmaschine kam ins Laufen. In der Folge wurde aus "Tannöd", dem Krimi – wir erinnern uns -, der anders war als das sonstige Futter aus der großen Bestsellerei – so etwas wie die Neugeburt des Genres. Das ging so lange, bis auch der Ahnungsloseste unter den Meinungsführern seine Zimmermannsarbeit am Kästchen "Neuer Deutscher Heimatkrimi" geleistet hatte und das entsprechende Etikett geschrieben und aufgeklebt war. Die kritische und sachliche Betrachtung von "Tannöd" hatte inmitten dieses hektischen Spektakulums kaum eine Chance, gehört zu werden. Frau Schenkel schrieb ein zweites Buch, "Kalteis", das man mit einigen Mühen noch in das frisch gebaute Kästchen stecken konnte, obwohl die murrenden Stimmen schon bedenklich lautstark "Hype" zischten. Dann kam das dritte Buch, "Bunker", und jetzt wars vorbei. Das passte einfach nicht mehr ins Kästchen, beim besten Willen nicht. Jetzt erhob sich auch die Kritik und protestierte. Die Leserschaft verweigerte sich endgültig, aus dem Murren wurde Häme, an eine wirklich kritische Betrachtung war kaum noch zu denken. Nicht dass sie hätte zu Gunsten des Buches hätte ausfallen müssen. Das eben ist der Punkt. Sie entpuppte sich dort, wo in aller Ahnungslosigkeit gezimmert worden war, als eine Steigerung dieser Ahnungslosigkeit, das Buch wurde nach Kriterien beurteilt, die ihm gar nicht gerecht werden konnten, weil sie von den Kriterien abgeleitet wurden, die schon den Vorgängerbüchern nicht gerecht wurden. "Krimi" wurde plötzlich von Leuten definiert, die sich zeitlebens nicht mit Krimi beschäftigt hatten. "Tannöd" und folgende wurden zu medialen Spielbällen, zu Liebesbeweis und Liebesentzug – und diejenigen, die dem Fundiertes und durchaus Kritisches entgegenzusetzen hatten, gingen unter, ja, sie wurden zu unfreiwilligen Teilnehmern einer wildgewordenen Rezeption, Einzelstimmen im Gebrüll.

Das ist die herrschende Krimikultur. Mediales Getöse, kenntnislos entfachter Hype, um "das Genre" aus seiner üblichen Elend des Durchschnittlichen zu heben, hernach von billiger Entrüstung gespeiste Versuche, alles was sich über den Durchschnitt erhebt oder propagandamäßig über ihn erhoben wurde, wieder auf das nivellierende Normalmaß zu drücken. Es gibt Krimikultur, die sich gegen diese Praxis sträubt, wenn überhaupt, dann nur als solistische Veranstaltung, unterbrochen von einigen gewiss lobenswerten Gemeinschaftsaktionen, die aber, weil auch sie letztlich zu solistischen Leistungen werden müssen, nicht viel bewirken. Was könnte aber eine andere, eine gemeinsam geschaffene Krimikultur erreichen? Was könnte, was müsste sie verändern?

Einfach ausgedrückt: Das Bild, das man sich von Krimi macht, diese bonbonbunte, alle Sinne betäubende, von schierem Fun & Event metastasierte Präsentation eines im Grunde beliebigen Produkts, dessen Wert längst vom Grad seiner Verkäuflichkeit abgeleitet wird. Das Bild auch des zur bloßen Ästhetik degradierten "Kunstprodukts" Krimi, dem man seine Trivialität wie eine schlechte Angewohnheit aus dem Leib prügeln möchte, damit es nach überlebter Erziehungsmaßnahme wie nur je ein verkrüppelter Musterschüler im Kreise der literarischen Connoisseurs hockt und vor lauter intellektuellem Diskurs nicht mehr zu atmen wagt.

Eine neue Krimikultur würde also dort ansetzen, wo noch keine Bilder entstanden sind, wo noch Bewegung möglich ist. Sie wäre auch mehr als eine reine special-interest-Liebhaberei. Denn wir reden hier über die inneren Werte des Produkts Krimi, über das, was es im Guten wie im Bösen in die Welt setzt, die es beschreibt und von der es gleichzeitig erschaffen wird. Wir reden über die Degradierung einer Literatur zum Profitfaktor, zum Sinnverderber, zum desensibilisierenden Narkotikum – und wir reden über das, was Krimi auch ist: ein Beschreibungs- und Erkenntnismedium, Lieferant verborgener Informationen und Strukturen. Wir reden auch über uns, die Leser, die Kritiker, die Autoren. Über unsere Verpflichtung, das, was wir im Krimi jenseits eitler Pfauenradschlägerei erkennen, mit den uns gegebenen Mitteln zu fördern, ans Tageslicht zu bringen. Das reicht alles weit über den eigentlichen Gegenstand hinaus, so wie gute Literatur immer über sich hinausreicht und weder in ihrer Beschreibung als Unterhaltung oder intellektueller Zeitvertreib zu fassen ist.

Nun gut; sehr schön. Aber wie gelangt man zu einer Krimikultur, die genau dies bewirken könnte? Und was genau sollte sie bewirken? Der erste, der allererste Schritt: Man muss die Kräfte bündeln. Denn diese Kräfte gibt es. Bei den Erzeugern von Kriminalliteratur selbst, bei Verlagen, bei Kritikern, bei Lesern. Krimikultur ist keine lockere Veranstaltung, bei der sich ein paar Gestalten auf dem Podium die Inhalte ihrer Köpfe zeigen und das Publikum im Saal dem mehr oder weniger interessiert folgt.

Deshalb: Interesse bekunden, selbst aktiv zu werden. Jeder dort, wo er will und kann. Sich über die nächsten Schritte Gedanken machen, aber vor allem erst einmal: Flagge zeigen. Krimikultur ist nichts, was per Akklamation definiert wird, sie ist ein ständiger Prozess, der Versuch auch, Plattformen zu schaffen, ins Gespräch zu kommen, Dinge zu ermöglichen, die nur eine Gruppe von Menschen ermöglichen können. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht. Und: Wir werden immer zu wenige sein. Nur: Allein sind wir gar nichts – höchstens eine Horde Windmühlenbekämpfer, die sich ihres Frusts bei Bedarf jammernd entledigt.

Demnächst ein paar Bemerkungen zu den avisierten "nächsten Schritten". Vergessen wir aber den ersten nicht: Zeigen Sie Interesse. →Melden Sie sich.

dpr

7. Juni 2009

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