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2059: ein Blick in die Zukunft

Das "Syndikat" als Vereinigung deutschsprachiger Kriminalautorinnen und –autoren sowie die Jurorenschaft der "KrimiWelt-Bestenliste", federführend in Sachen Krimikritik, baten mich, meine anerkannten spirituellen Fähigkeiten zu bemühen, um einen Blick auf die Krimikultur 2059 zu werfen. Meine unbestreitbaren Erfolge der jüngeren Vergangenheit (eine Frau im Kanzleramt, Wolfsburg deutscher Fußballmeister und das Auftauchen autistischer Floristinnen als Ermittler in Kriminalromanen – alles exakt vorhergesagt!) lassen uns in guter Hoffnung, dass sich auch die folgenden Prognosen in fünfzig Jahren als schnöde Wirklichkeit besichtigen lassen.

Wie immer habe ich mein Medium, Fräulein Silaka Methophylisos, mit ein paar Taschenspielertricks (ich arbeite nebenher als Krimirezensent und bewege mich daher souverän in diesem eher halbseidenen Metier der Täuschungen) in eine Art Trance versetzt. Fräulein Methophylisos gab mir denn auch nach einer gewissen Zeit der Kontaktaufnahme mit den höheren Mächten zu verstehen, sie sei jetzt zur Berichterstattung bereit. Ihre Nachrichten brachen daraufhin stoßweise und leicht konfus aus ihr heraus; ich notierte sie indes wort- und zeichengetreu, um sie nun in lesbarer Version zu präsentieren. Wohlan.

Beginnen wir mit der Bestätigung einer allgemeinen Erkenntnis: Das Buch, welches sich derzeit auf einer Abschiedstournee durch die Lesewelt befindet, wird es im Jahre 2059 nicht mehr geben. Der letzte deutsche Verlag – Random House – hat 2041 endgültig Insolvenz beantragt und seine verbliebenen drei Angestellten in die Arbeitslosigkeit entlassen. Auch Hörbuch, Ebook und Konsorten sind längst Teil vager Erinnerung. Warum das? Nun, ganz einfach. Seit 2039 trägt jeder Erdenbürger einen winzigen Chip im Kopf, die sogenannte "Internet-Gehirnzelle". Sie erlaubt den Empfang des World Wide Web direkt in reservierte Bereiche der Großhirnrinde, wo es kraft Vorstellung auf einem imaginären Bildschirm der Phantasie visualisiert wird. Die Navigation erfolgt via Willenskraft, entsprechende Kurse der Volkshochschulen sorgen für eine flächendeckende Verbreitung dieser neuen Kulturtechnik. Mit diesem Chip werden auch zwei andere, assoziierte implantiert: der früher so genannte "Bundes-Trojaner" zur Gedankenkontrolle und der Bezahlchip. Letzterer regelt die Finanzierung des ganzen aufwendigen Verfahrens und auch, unter anderem, die Honorierung von AutorInnen, deren Werke aus dem Internet direkt ins Gehirn geladen werden.

Man muss sich Buchproduktion, -distribution und –nutzung also etwa folgendermaßen vorstellen: Der Autor schreibt seinen Text oder spricht ihn auf Band. Die entsprechende Datei wird ins Internet gestellt und kann abgerufen werden. Sie wandert, wie oben beschrieben, sofort in den Hirnspeicher. Dort erfolgt die sofortige und automatische, dank bequemer Software auch fast schmerzfreie Umwandlung der Wörter in Bilder. Diese werden dann im Schlaf als eine Art Traum abgespielt. In diesen Träumen vermischen sich nun die Bilder der Lektüre mit den Bildern der lesenden Person. Der Buchinhalt erfährt also eine Individualisierung, wie man sie durch herkömmliches Lesen nicht erreichen kann.

Und die Konsumenten sind begeistert. Sie mussten bisher die Wörter mühselig in Bilder umwandeln, wo das nicht ging, war "langweilige Literatur" drin, wie wir Vertreter des Intellektuellenkrimis schmerzlich an den Verkaufszahlen unserer Erzeugnisse ablesen konnten. Autorinnen und Autoren sind ergo gehalten, bildfreundliche Handlungen zu erfinden, damit der Lesetraum nicht zum Lesealbtraum wird.

Verlage spielen bei dieser neuen Form des Lesens naturgemäß keine Rolle mehr, Autor und Leser kommunzieren direkt miteinander, die Honorierung regelt der bereits genannte Bezahlchip, während der "Bundestroyaner" anstößige Inhalte oder Verstöße gegen die guten Sitten aufstöbert und eliminiert. Was wird nun aber aus der Kritikerzunft? Hier übermannten mein Medium, Fräulein Silaka Methophylisos, schwere konvulsive Zuckungen, sie atmete schwer, verdrehte ihre (ansonsten wunderbaren rehbraunen) Augen und begann zu schreien. Was ich ihren bruchstückhaften, unter schweren Schmerzen hervorgebrachten Informationen entnehmen konnte, ist dies:

Im Jahr 2059 wird es keine Krimikritik mehr geben. Der Grund: Kaum fünf Jahre vor diesem Stichdatum war offenbar geworden, dass seit 2021 ein einziger (!) Krimikritiker sämtliche Rezensionen bestritten hatte. Und zwar unter vielen Pseudonymen. Er war in der Lage, einen Krimi sowohl positiv als auch negativ zu besprechen, sehr überzeugend zudem. Darüber hinaus bestritt dieser Solist die gesamte sonstige Generaldebatte in Sachen Krimikultur, d.h. er machte es mit sich selber aus, was Krimi ist und kann, wo der Hase im Pfeffer, die Dinge im Argen, der Finger auf der Wunde und in ihr drin liegt. Nach der Entlarvung des Übeltäters war die – an diesem Skandal natürlich völlig unschuldige – Krimiindustrie übereingekommen, es künftig ohne Rezensenten zu versuchen. Und siehe: Es funktioniert prächtig.

Ein paar aufmüpfige Blogs, die sich diesem Diktat nicht beugen wollten, werden 2059 längst aus dem Netz entfernt worden sein und ihre Betreiber gemeinnütziger Arbeit (Auswertung der Nutzungsprofile des WWW) zugeführt.

Erwähnen wir zum Ende dieses wahren, getreu der Konventionen des metaphysischen Zukunftsjournalismus aufgezeichneten Berichts noch einige interessante Details in Kurzform:

  • Serienkiller werden 2059 vorübergehend völlig out sein
  • Regionalkrimis dürfen nur noch unter Einhaltung gewisser Globalisierungsaspekte (der Ammersee liegt in Südamerika, die Wertherstraße in Weimar führt durch das tibetanische Hochland) vertrieben werden
  • Sprache wird als Bestandteil von Kriminalromanen endgültig marginal
  • Frauenfeindliche Passagen werden geschwärzt, männerfeindliche Passagen sind generell untersagt
  • In Kriminalromanen dürfen keine Kochrezepte mehr veröffentlicht werden
  • Heinrich Steinfest erhält den Ehrentitel "Goethe des Krimis". Gegenmeinungen erfüllen Straftatbestände
  • Wolf Haas (er lebt noch!) hat Schreibverbot
  • dpr (längst tot) darf nicht einmal mehr in Gedanken erwähnt werden
  • wtd gilt aber als epochalster Blog des frühen 21. Jahrhunderts
  • nach der Verträumung eines Krimis wird dieser umgehend von der Hirnfestplatte gelöscht
dpr

3. November 2009

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