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Kathy Reichs: Das Grab ist erst der Anfang

(Unsere Spezialistin für forensische Mahlzeiten, an denen man sich gerne die Finger verbrennt, jubelt. Kathy Reichs hat wieder zugeschlagen! Leider so, dass man schon nach wenigen Seiten in gnädige Leseohnmacht fällt. Aber lesen Sie selbst, wie Anna Veronica Wutschel en détail urteilt...)

Wozu eigentlich nervenaufreibende Spannung? Wozu tiefsinnige Ein- und Ansichten, wenn man den Leser auch mit einer seichten, gar simplen Story verwöhnen kann? Anscheinend dieser Devise folgend, lässt Kathy Reichs ihr fiktives alter ego, die forensische Anthropologin Tempe Brennan, erneut durch ein tief verschneites Montreal und durch eine einduselnde Story schlittern. Zwar hat letztlich ein scheußlicher Gesell die höchst lebendige Tempe ins Grab verbannt, doch verheißt die Lektüre von Das Grab ist erst der Anfang für den Leser eher eine artige Erholungskur von Stress und Alltag.

Dabei geht es - wie erwähnt - dramatisch los: Als Tempe aus einer Ohnmacht erwacht, ist sie gefesselt, orientierungslos und in eisiger Kälte begraben. Wer ist der Täter? Wo befindet sich Tempe? Wie lange liegt sie bereits unter der Erde? Und was soll das überhaupt? Tempe hat keine Ahnung. Da derartige Lebendig-Begraben-Szenen generell nicht viel mehr hergeben als klaustrophobische Panik, vor allem, wenn sich das Opfer an nichts Vorausgegangenes erinnert, scheinen diese eingeschobenen Szenen allerdings lediglich wie ein winziger Kunstgriff, um kurvenreich gradlinig die letzten Wochen und Tage vor der Entführung abzuerzählen.

Die haben es natürlich in sich. Tempe wird nicht nur von einem anonymen Bösewicht verleumdet und bedroht, nein - auch ihr Assistent macht sich unbeliebt, eine eigentlich nicht kompetente Kollegin fingert in Tempes Fällen herum und weist ihr dabei Fehler über Fehler nach. Der Chef fällt Tempe in den Rücken, ihr neuer Nachbar kann sie immer noch nicht leiden, und zu allem Übel verspeist sie auch noch ein verdorbenes Sandwich. Doch mit eiserner Kasernenhofdisziplin versucht Tempe, ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen, schließlich muss sie nicht nur um ihren Ruf als Expertin, sondern letztlich auch um ihr Leben bangen.

Im Übrigen wird zwischen netten Familientreffen und vielen Skeletten, deren Identität erforscht werden muss, auch noch ein Serienmörder gejagt, der ältere Frauen ganz hinterhältig abschlachtet.

Kaum zu glauben, dass bei so viel Aufregung weder Spannung noch Schwung in der Story aufflackern wollen. Neben vielen simplen Intrigen tischt Kathy Reichs vornehmlich das bekannte Liebesweh auf, das Tempe mit Lieutenant Detective Andrew Ryan verbindet. Und bietet selbstverständlich etliche Einblicke in die Forensik, die größtenteils wie aus dem Lehrbuch heruntergeschrieben scheinen. Mit altbewährten Mittelchen holpert sich Reichs durch den Rest des Textes: flapsige, auf cool getrimmte Dialoge, Ein-Wort-Sätze, die untereinander gereiht auf Tempo und Seitenzahl drücken, sowie überaus langatmige Beschreibungen von Landschaften und Mitmenschen. Vor allem an Letzteren mäkelt Tempe gern schnippisch herum, da sie nun einmal (das erinnert inzwischen sehr an Kay Scarpettas Rühr-Mich-Nicht-An-Universum) von vielen Trotteln und Möchtegern-Experten umgeben ist. Insgesamt jedoch passiert recht wenig. Während die Intrigen in der Endlosschleife kurven, wird Tempe von allen bösen Geistern verfolgt. Derartig überschaubare Einfachheiten könnten den Leser immer wieder geradewegs in die feinste Tiefenentspannung führen. Damit man während der Lektüre aber nicht versehentlich ganz ins Nickerchen absackt, bastelt Kathy Reichs gerissen Cliffhanger an das Ende eines jeden Kapitels, die unweigerlich zum Weiterlesen verführen (sollen) - z. B.: >>“Wow”, sagte Miller. “Heilige Scheiße”, sagte ich.<< -
So schaukelt Kathy Reichs ihren 12. Thriller durch künstlich aufgepeitschte Wogen und treibt ihre Protagonistin geruhsam durch eine natürlich zutiefst berechtigte Paranoia.

Anna Veronica Wutschel

Kathy Reichs: Das Grab ist erst der Anfang. Blessing 2009 (206 Bones. 2009. Deutsch von Klaus Berr). 383 Seiten. 19,95 Euro.

13. Januar 2010

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Bisherige Kommentare (2)

Wenn der kommerzielle Erfolg da ist, sind die Begehrlichkeiten, möglichst schnell ein neues Werk auf den Markt zu werfen, groß. Hierbei die Klasse zu halten - die erste Reichs-Werke waren gute Unterhaltungsliteratur - ist natürlich schwer, wenn man nicht über einen großen Fundus von erzählenswerten Geschichten verfügt.

Kommerziell erfolglose Autoren haben dagegen das große Glück, sich für ihre nächste Geschichte ganz, ganz, ganz viel Zeit lassen zu können.

von: thomas am 13.01.10 14:27

*

Ja, ich kenne das Problem auch, lieber Thomas. Der nächste Krimi ist schon fertig, der übernächste fast. Der Verleger hängt mir im Genick und will Reibach machen. Momentan hängen mir überhaupt alle irgendwie im Genick und wollen was von mir. Das ist der Fluch des Erfolgs...

bye
dpr

von: dpr am 13.01.10 14:51

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