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James Ellroy: Blut will fließen

Es gibt nur wenige dickleibige Bücher, die ich von der ersten bis zur letzten Seite mit der Inbrunst eines unrettbar Gefangenen lese. Irgendwann kommt der Moment der Redundanz, was kaum anders sein kann, und ich warte förmlich darauf – und auch darauf, wie es dem Autor gelingt, diesen Moment zu überwinden. "Blut will fließen", abschließender Band von James Ellroys Amerika-Trilogie (nach "Ein amerikanischer Thriller" und "Ein amerikanischer Albtraum"), gehört bei aller Kunstfertigkeit nicht zu den Büchern, bei denen ich mir nach Seite 500 noch Überraschungen erhoffe. Wobei Redundanz nichts Negatives per se sein muss. Und Ellroy selbst in der Redundanz das Gehirn des Lesers noch zu geschäftigen weiss.

Es beginnt schon mit dem historischen Bogen, den Ellroy in "Blut will fließen" schlägt. Dass seine Aufarbeitung der amerikanischen Jahre zwischen 1968 und 1972 als eine rasante Mischung aus Überzeichnungen, Mythen und sonstigen Verschwörungstheorien daherkommen würde, war zu erwarten. Und man glaubt ihm sofort. Vom Mord an Robert Kennedy (mit Reminiszenzen an den Tod seines Bruders John) und Martin Luther King über die Bekämpfung schwarzer Militanz bis zum Versuch des organisierten Verbrechens, sich der Dominikanischen Republik als Kubaersatz zu bemächtigen – alles taucht auf (merkwürdigerweise Vietnam nur am Rande), historische Gestalten wie J. Edgar Hoover, Howard Hughes oder Richard Nixon in all ihrer Verformtheit desgleichen. Eine sinistre Paranoia-Maschine, die Weltgeschichte ausspuckt, dazwischen die Story des Überfalls auf einen Geldtransporter, bei dem u.a. Smaragde gestohlen wurden, und natürlich hängt auch dieses Verbrechen mit dem Großen-Ganzen zusammen.

Wie gesagt: Man glaubt das alles sofort. Nun möchte ich meine Lesezeit aber nicht mit ständigem Nicken verbringen und erwarte mehr. Der historische Überbau als Plateau, von dem man sich tief in menschliche Verwerfungen fallen lassen kann, die letztlich Ursache und Konsequenz des Gesellschaftlichen sind. Und hier hat Ellroy einiges aufgefahren.

Nehmen wir Wayne Tedrow Jr., einen begnadeten Chemiker, der zugleich Spitzel, Strohmann der Mafia, Rassist,Vatermörder und noch einiges mehr in einer Person ist. Oder Dwight Holly, FBI-Agent, Killer, Rassist, Liebender, Denker und Kriecher. Er hat seit Jahren ein Verhältnis mit Karen Sifakis, Unidozentin und bekennende Linke, aber explizit gewaltfrei. Sie wiederum kennt die mythische Hauptfigur des Buches, Joan Rosen Klein, ebenfalls links, aber mit terroristischen Überzeugungen. Mit ihr wird Holly ebenfalls ein Verhältnis beginnen. Wichtig auch noch der korrupte Polizist Scotty Bennett, seit Jahren mit einer Obsession für den Smaragdfall, sein Kollege, der schwarze und schwule Marshall Bowen, karrieregeil und smart, als Undercover-Agent tätig. Und natürlich Donald "Crutch" Crutchfield, Spanner und Rechercheur, eine Figur, die man anfangs eher am Rande platziert, bis man →den großen Irrtum erkennt. Schweigen wir ganz von all den anderen Figuren, die Ellroys Roman bevölkern und in immer neuen Volten vorantreiben.

Mit diesem Figurentableau wuchert der Text, Ellroy knetet sein Personal in alle denkbaren Formen und nimmt es nach eigenem Belieben abrupt aus dem Spiel. Rassisten werden zu Antirassisten, FBI-Killer räsonnieren über Schuld und Sühne – es ist ein ständiges Sich-Camouflieren, ein Ver- und Entpuppen, bis einem sämtliche Sinne verkleben. Klar konturieren durch das Verwischen der Konturen.

Jede dieser Figuren trägt den eigenen Feind in sich, und der daraus resultierende Selbsthass mutiert zum eigentlichen Antrieb dieser wahrlich blutgetränkten Geschichte, die dennoch auch immer Liebesgeschichte ist. Das alles überzeugt als Konzept, ist originell, überzeugend, schwappt jedoch in praxi über sämtliche Ufer. Alle Hauptpersonen sind nach diesem einen Muster gezeichnet, was über knapp 800 Seiten ein wenig ermüdet und geradewegs zur eingangs erwähnten Redundanz führt. Wer das Bauprinzip einmal begriffen hat, liest sich fortan durch einen sehr wohl spannenden, letztlich aber überraschungsarmen Roman.

Auch die dramaturgische Komposition ändert sich nicht. Ellroy erzählt wie bekannt atem- und schnörkellos, verwendet "Dokumenteneinschübe" (Tagebücher, Aktenvermerke, Presseberichte), wobei es ihm durchaus gelingt, das Ganze auch stilistisch und perspektiv zu differenzieren (und dem Übersetzer Stephen Tree gelingt es, dies ins Deutsche zu transponieren).

Problematisch auch der Schluss. Er wirkt beinahe wie eine Parodie auf die geläufigen "Alles muss aufgeklärt werden"-Krimis. Was an sich Sinn ergibt, so es ironisch gemeint ist (was bei Ellroy nicht ausgeschlossen, aber bezweifelt werden darf). Die im Grunde nicht beherrschbare Geschichte (im literarischen wie historischen Sinne) wird beherrschbar gemacht, es wird Sinn suggeriert, wo doch kein Sinn erkennbar sein kann. So endet alles in quasi offiziöser und geglätteter Geschichtsschreibung.

Fazit: "Blut will fließen" ist ein mehr als lesenswertes Buch, das bei größerer Konzentration und Variation noch deutlich an Wert hätte gewinnen können.

dpr

James Ellroy: Blut will fließen. Ullstein 2010 (Blood's a Rover, 2009. Deutsch von Stephen Tree). 783 Seiten. 24,90 €

10. Februar 2010

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