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Wolfgang Bitburger rests in pieces

Wolfgang Bitburger, der Doyen der deutschen Krimikritik, ist tot. Der bei Kollegen wie Autoren wegen seiner stets kenntnisreichen und ausgewogenen Rezensionen gleichermaßen geschätzte Bitburger verstarb gestern im Alter von 89 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls, den er bereits im Frühjahr während der Tagung "Krimikritik – Fluch oder Segen oder beides?" in Bad Krotzingen erlitten hatte. "Wir verlieren einen Gentleman der liebevollen Krimianalyse", heisst es in einem Nachruf des "Itzehoer Volksboten", für den Bitburger ebenso schrieb wie für andere Massenmedien.

Was indes bis heute niemand wusste: Zu jeder Rezension, die Bitburger verfasste, gibt es eine Alternativversion, die der Kritiker in einem geheimen Ordner auf seinem Laptop verbarg, um sie, wie er es selbst formulierte, "hundert Jahre nach meinem Tod zu veröffentlichen, wenn das hierzulande schwelende Krimiarschlochtum den Weg allen Krimiarschlochtums gegangen ist, nämlich direktemang in die Urne des Vergessens". Klare Worte, die schockieren. War Bitburger shizophren? Oder ist es die Krimiszene, die einen klardenkenden Menschen in die Psychose zu treiben vermag? Wir wissen es nicht. Obwohl noch keine hundert Jahre seit Bitburgers Tod verflossen sind, wohl aber bald 100 Stunden, veröffentlichen wir exklusiv einige Auszüge aus den Alternativrezensionen. Jeden Hinweis auf konkrete Personen haben wir selbstverständlich anonymisiert.

"... Schnallenprosa. Wer sagt cdt35f endlich einmal, dass Menstruation nicht mit Motivation verwechselt werden darf? Wer schützt uns fürderhin vor den Ergüssen einer Frau, in die sich längst nichts mehr ergießt?"

"Sein neuer Roman ist wie der alte, nämlich so alt, dass selbst ich nicht mehr weiß, wo er ihn abgeschrieben hat. Dass hier die indirekte Rede fröhliche Urständ feiert, freut uns. Noch mehr würde uns freuen, hielte der Autor endlich einmal ganz direkt die Schnauze."

"Es gibt Menschen, die mit Staubsaugern Sex haben. 56tur3 hat mit Kriminalliteratur Sex. Die kann sich dagegen ebenso wenig wehren wie ein Staubsauger. Gerechterweise ähnelt das Bild des Orgasmus eher einem tropfenden Wasserhahn denn einer Eruption."

"Dieser Kriminalroman hat alles, was ein deutscher Kriminalroman heutzutage braucht: Ein hässliches Cover, einen zwergendeutschen Klappentext und die übliche Empfehlung des Großkritikers gj6jtur, der für Geld auch die Beipackzettel von Kopfschmerztabletten mit der Prosa von Patricia Highsmith vergleichen würde."

"Es gibt Sätze, die einen umhauen. Es gibt sogar Sätze, die werden geschrieben, um zu töten. Im neuen Kriminalroman von vbn549 finden wir Sätze, die einen umhauen, weil sie schon tot waren, bevor sie geschrieben wurden."

"Früher einmal beherrschten selbst Groschenschreiber die Syntax der deutschen Sprache. Heutzutage halten Krimischreiber Syntax für einen griechischen Badeort und die deutsche Sprache für etwas, mit dem man dort eine Schweinshaxe bestellen kann."

"Ostasiatische Philosophien kennen das Nirvana. Deutsche Krimiautoren erschaffen es jeden Tag aufs Neue."

"Liest man zwischen den Zeilen des neuen Thrillers von 5ijzu6, wird man überrascht sein, dass sich dort genau das findet wie in den Zeilen. Nämlich nichts."

"Dieser Krimi ist wie eine hässliche Frau. Du kannst ihm nur beiwohnen, wenn das Licht aus ist."

"Ich frage mich, warum Leute Krimis schreiben, bevor sie ihren Namen schreiben können."

"Grad fährt draußen die Müllabfuhr vorbei. Ich lese diesen sogenannten Kriminalroman. Ich schaue den Männern nach, die die Tonnen wegrollen. Was für ein ehrenwerter Beruf. Und hier sitzt jemand, der nicht mehr will und beurteilt einen, der es nicht kann, aber etwas wollte, was jetzt nicht mal mehr die Müllabfuhr mitnimmt."

dpr

6. August 2010

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Bisherige Kommentare (2)

Auf jeden Fall war dieser Charmeur Bitburger dann wohl doch der Frauenfeind, als dessen Gegenteil er zu Lebzeiten so gern aufgetreten ist? Manche hatten das geahnt. Ich denke nur an zvkd07...
Mit herzlichen Grüßen, Mimi.

PS. Mit der Langeweile, da sagst Du was.

von: Mimi am 6.08.10 10:29

*

Ja, stimmt. Ein desillusionierender Nachlass. Aber so ist das nun mal im Kommunikationszeitalter. Da glaubst einen Menschen zu kennen und dann so etwas...

bye
dpr
*mag langeweile
**hat nicht genug davon
***muss mal wieder Krimis lesen

von: dpr am 6.08.10 10:36

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