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Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus
Ein Krimi, in dem über Sophokles und Adorno räsonniert wird, kann nur bei Diogenes erscheinen, erspart es doch Patricia Highsmith und Georges Simenon, den Friedhof zu wechseln, wenn sie sich in ihren Gräbern wälzen. Eine Art Bildungsbürgerkrimi ist das, überraschenderweise, denn vielleicht hatte man geglaubt, der sei nur eine Schimäre, es gebe ihn gar nicht. Aber es gibt ihn wie etwa die Menschen, die ihre Kinder nicht mit "Unterprivilegierten" allzu lange die Schulbänke drücken lassen wollen, liberal-asoziales Pack eben, doch pardon: Das passt jetzt nicht zu Hansjörg Schneiders "Hunkeler"-Roman, das ist eine spontane Assoziation des Kritikers, der die Gemüter durch die Versicherung zu beruhigen versucht, dass sie in "Hunkeler und die Augen des Ödipus" kein bisschen in Gefahr schweben werden, irgend etwas assoziieren zu müssen.
Harte Worte zu einem butterweichen "Krimi", der mit Anführungszeichen totgeboren wurde. Ein Theaterregisseur wird ermordet und ein Polizist, der kurz vor seiner Pensionierung steht, möchte den Fall lösen. Dieser Polizist hat in einem früheren Leben auch etwas mit dem Theater zu tun gehabt, was fatal ist, denn fortan wird er uns ständig mit seinen Erkenntnissen beuteln. Wir befinden uns in Basel, in der Schweiz, und dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, irgendwo in den Siebzigern wohl, als es auf dem Theater noch für einen veritablen Skandal reichte, blutige Monatsbinden zu schwenken. Natürlich ist auch das Personal irgendwie historisch-antiquiert, gängiges Krimipersonal eben, wie es Herbert Reinecker in seinen unsäglichen Fernsehmoralschinken nicht besser hingekriegt hätte. Gescheiterte Autoren und Schauspieler, jede Menge Angeber und Möchtegerns, ein wie aufgezogen denkender Hunkeler nebst allzu verständnisvoller Lebensgefährtin – doch wer glaubt, diese Unwelt des Theaters sei das Gröbste an Schneiders Roman, der wird bitter enttäuscht.
Denn Basel hat auch einen Hafen, und dort tummeln sie sich dann erst recht, die Pappnasen aus den trivialen Papierwelten des besseren, weil zitierfähigen Krimis. Akkordeonspielende Zuhälter, tiefdenkende Ganoven, herzige Nutten, nett-verrückte Künstlerinnen, und das alles hübsch vermischt mit der oben skizzierten Theaterbagage, das ist mehr, als selbst der gutmütigste Leser zu ertragen vermag.
Und Krimi? Fast möchte man es als den besten Einfall Schneiders bezeichnen, seinen Hunkeler den Fall nicht klären zu lassen, sondern die allfällige Auflösung nur zur Kenntnis zu nehmen. Es ist eh wurscht, denn wer diesen Krimi liest und gut findet, möchte eigentlich gar keinen Krimi lesen. Da geht es um die Gedanken eines Mannes vor der Rente, der gerne mal den Rhein runterschwimmen möchte, es geht um die Vergewisserung, dass das Leben beruhigenderweise noch immer aus glasklar konturierten, "interessanten Typen" besteht und man im Elsass nach wie vor am allerfeinsten spachteln kann.
Wer nun denkt, all das habe mit Kriminalliteratur nichts mehr zu tun, liegt richtig. Es ist der übliche vorgekaute Denkbrei für Menschen am Rande der intellektuellen Belanglosigkeit, für Kulturisten und andere Besitzer monströs harmloser Weltbilder. Die werden achen und jauchzen bei diesem Hunkeler, die werden, kaum haben sie das Ding gelesen, ihre Gedankenschreine wieder sauber abschließen, damit bloß kein Stäubchen Wirklichkeit sie entweihe. Auch dafür ist also gut, wo Krimi zwar nicht explizit draufsteht, aber halt auch nicht drin ist. Mach die Augen zu, Ödipus, und schlafe weiter.
dpr
Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus. Diogenes 2010. 233 Seiten. 19,90 €
1. September 2010
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Kommentar
Hoppla, da bin ich aber anderer Meinung! Vielleicht ist es von Vorteil, wenn man die "Hunkelerkrimis" kennt, ich mag seine Mischung zwischen kantigem und intelligentem Charakter. Auch finde ich das Program von Diogenes immer anspruchsvoll und genial dies sage ich nicht nur weil ich Schweizerin bin, sondern als begeisterte Fachfrau des Lesens....
Liebe, Grüsse aus der Schweiz
manu
von: Manu am 2.09.10 13:59
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