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James Dickey: Flussfahrt

dickey.jpg Eine klassische Konstellation des Spannungsgenres. Vier Männer, allesamt solide amerikanische Mittelschicht, planen einen aufregenden Wochenendtrip. Mit zwei Kanus wollen sie einen ungebändigten wilden Fluss erobern, es ist die letzte Chance, denn das ganze Gebiet soll bald geflutet und zum Freizeitareal werden. Ed, der Erzähler, ist Werbegrafiker, Motor des Ganzen ist Lewis, Fitnessfanatiker, ein ganzer Kerl mit Drang zum Abenteuer. Sie fahren los. Alles scheint so wie erwartet und erhofft: Anstrengend, aufregend, urwüchsig, prima Erfahrungen für Stubenhocker in einer archaischen Welt. Dann aber begegnen sie dem Bösen und werden auf den Ursprung der Kreatur zurückgeworfen, auf den Kampf ums nackte Überleben, in dem jeglicher Anflug von Zivilisation und Moral nur störend ist.

Diese knappe Skizze des Inhalts weist den Weg zur „Botschaft“, und die allein mag für einen Spannungsroman genügen. Das Unberechenbare der Natur, das Brüchige der Zivilisation, die nicht erst seit dem Dahinscheiden von Herrn bin Laden virulente Frage nach der Rechtfertigung von Tyrannenmord und Notwehr, all dem begegnen wir in einer durchweg packenden Story und sinds zufrieden.

Der „Mehrwert“ allerdings ist ein Verdienst von Dickeys sprachlicher und dramaturgischer Meisterschaft. Schon die Ouvertüre im zivilisierten Alltag Eds und seiner Freunde besticht durch die Genauigkeit der Schilderung, das vorsichtige Abklopfen des Kartenhauses Existenz durch die Sprache. Selbst wenn die Geschichte in dem Moment enden würde, wo ihr „archaischer Teil“ beginnt, hätte uns Dickey eine Menge über das mühsam austarierte Gleichgewicht einer Psyche erzählt. Aber natürlich geht es weiter, mit genauen Beschreibungen, die doch niemals betulich sind und fernab der aus Krimibacksteinen bekannten Trivialität eines quantitativ motivierten Pseudorealismus.

Wenn Ed einen Felsen erklimmt, hat die Beschreibung eines jeden kleinen Schrittes ihren guten Sinn. Alles verbindet sich so zu einer Flussfahrt der besonderen Art, durch die Stromschnellen und Untiefen des Bewusstseins und des sie umgebenden Halbdunkels, vorbei an den Klippen der Vernunft und durch die Strudel des Instinkts. Am Ende steht, um im Bild der Handlung zu bleiben, die große Überflutung des Unerforschten durch die Logik der Zivilisation. Ed und die anderen sind schuldig geworden, sie brauchen eine plausible Story, die sie vor Strafverfolgung schützt und die erschreckende Wildnis ihres Verhaltens flutet, sie zum beherrschbaren Naturschauspiel macht. Es gelingt. Alles ist wie früher, nichts ist wie früher.

Man muss sich nicht intellektuell verrenken, um die zeitgeschichtliche Wirklichkeit hinter „Flussfahrt“ zu erkennen. Das Buch ist 1970 erschienen und ein tiefer Reflex auf Vietnam, auf das Alltägliche des Tötens, das Mutieren normaler amerikanischer Durchschnittsbürger zu Tötungsmaschinen, mitsamt des dahinterstehenden Rechtfertigungs- und Beruhigungsapparates. Man kann das hochrechnen, umrechnen, transponieren, von Vietnam auf sämtliche Schlachtfelder der Barbarei. Es gibt nur wenige literarische Werke, die es so eindringlich verstehen, Automatismen der Psyche mit solchen der sogenannten Weltgeschichte zu verknüpfen. James Dickeys „Flussfahrt“ ist eines davon, ein Klassiker, von dem wir nur hoffen können, die Lessingsche Forderung werde erfüllt: „Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“

Anmerkung: Ein paar Worte zum Autor und idealerweise ein kleines Nachwort hätten die deutsche Neuausgabe perfekt gemacht.

dpr

James Dickey: Flussfahrt. Seeling 2011 (Deliverance. 1970. Deutsch von Jens Seeling). 267 Seiten.14 Euro

Kommentar von wie gesagt:

dank dieser Empfehlung habe auch ich "Flussfahrt" mit Begeisterung gelesen und fand bereits die ersten 100 Seiten – als noch kein Verbrechen geschieht und der Fluss noch idyllisch fließt – sehr spannend. Dickeys Naturschilderungen ziehen tief hinein in das Buch und zu den Männern in den Kanus. Fast fand ich es etwas schade, als diese Magie durch das erste brutale Verbrechen in den Hintergrund geriet, wobei Dickey hier auch grandios zu Werke geht. Je mehr dann die Protagonisten ins mörderische Konstrukt gezogen werden, verlor der Roman in meinen Augen etwas von seiner Sogkraft. Dickey musste hart arbeiten, um seinen Plot zu verlöten und auch die Figuren passend verschrauben. Ich finde nicht, dass sie plötzlich auf ihre wild-archaische Seite geworfen werden. Sie handeln, sobald sie sich für einen Plan entschieden haben, überaus rational und wägen immer wieder ab. Die extremen Erlebnisse, die sie dabei allerdings haben, machen sie zu einer marginalen, von Alltagswelten emanzipierten Klasse. Manche seltsame Entscheidungen scheinen dem Wunsch des Autos geschuldet, spätere Spannungsmomente darauf aufzubauen – die der Leser wiederum recht gut vorhersehen kann. Auch die Mutation von Ed zum Superhelden ist so unterhaltsam wie befremdlich. Das ist aber zweitrangig für dieses Buch,über dessen Schilderungen und Formulierungen ich unentwegt staunte und in dem Verbrechen auf weiten Strecken nur eine mittelbare Rolle spielt.

20. Mai 2011

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