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Guido Rohm: Der Doktor und sein Vieh

krimipapst_200.jpgKollernde Kleriker unter sich. Prügelpapst und Krimiautor Guido Rohm nimmt sich die Kirchenfürsten des Genres zur Brust, ein gargantueskes, einigen Mut erforderndes Unterfangen, wird doch Rohm nach diesem Kraftakt als vogelfrei erklärt und von den vergifteten Pfeilen der Kritik zur Strecke gebracht werden. Wir freuen uns, Ihnen heute das Sahnestück der Aufsatzsammlung präsentieren zu können, eine feinsinnig-grobe Abrechnung mit einer sich im Affentempo vermehrenden Spezies, einem Konklave des Schreckens gewissermaßen, den wie radioaktiv verseuchte Pfifferlinge aus dem Boden des Internets sprießenden Krimipäpsten nämlich, Menschen im geistigen Zölibat, statt Messdienern Bücher auf den Knien, von Kopulationsphantasien durchschüttelt, die ewigen Handarbeiter des Betriebs... doch lesen Sie selbst. Rohm, Autor von →"Die Sorgen der Killer", wird besagte Sammlung demnächst unter dem Titel "Einmal legen und blasen, bitte. Szenen aus dem Buchbordell" in einem namhaften Verlag veröffentlichen. Obligatorisch erklärt die wtd-Herausgeberschaft, dass sie keineswegs alle im folgenden Traktat geäußerten Ansichten teilt. Sie ist lediglich →"Der Bote". Die dem Aufsatz beigegebene Zeichnung stammt natürlich aus der Feder des Klassezeichners Peter Ludwig.

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Der Doktor und sein Vieh
Eine Sittenskizze der deutschen Krimikritik


Der hier kommt nicht auf die Liste!
Jetzt steht der Doktor an einer Ampel, die Rot anzeigt. Er kann sich an den Satz, den er zu Andreas gesagt haben soll, nicht erinnern. Vielleicht hat er ihn geträumt.
Noch kein Grün.
Also läuft er nicht, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist.
Neben ihm, er kann es aus den Augenwinkeln erkennen, kommt eine Frau mit Kinderwagen zum Stehen. Sie räuspert sich und stürmt dann über die Straße.
Miststück!
Nein, das hat er nicht gesagt. Er blickt auf seine Schuhe runter, von denen er nur die Spitzen erkennen kann. Ein Gefühl von Hunger durchströmt ihn.
Macht ist nur Macht, wenn man sie auch nutzen kann.
Das hat er gesprochen, leise, murmelnd.
Die Ampel springt auf Grün, trotzdem bleibt er stehen. Er hat keine Ahnung warum.

Täglich treffen sie ein, Bücherberge, die er längst nicht mehr bewältigen kann. Und trotzdem warten sie auf ein Statement von ihm.
Er hat den Kriminalroman in diesem Land groß gemacht, wenn er will, dann kann er ihn auch wieder klein machen.
Papst. So nennen sie ihn.
Natürlich winkt er ab. Und doch ...
Er greift nach dem nächsten Roman. Andreas will ihn in der Liste haben. Andreas ist bestechlich, aber das weiß nur er, höchstens noch der und der. Egal.
Er berührt den Buchdeckel, liest die ersten Sätze und spricht es dann heilig.
Papst!
Ja, irgendwie ist er einer. Über den anderen haben sie das doch auch gesagt. Den konnte er aber nie ausstehen. Hatte eine eigene Fernsehsendung. Und er?
Er berührt, ohne das er sagen könnte warum, seine Wangen, die sich anfühlen, als hätte er Tennisbälle hinein gestopft. Er müsste sich auf Diät setzen. Bald, nicht heute.
Ich habe noch Zeit.

Wenn er sterben wird, was wird dann bleiben?
Der Doktor beugt sich über eine Torte, ein Riesenstück, um es sich einzuverleiben.
Ja, darum geht es. Man frisst sich durch das Leben, man schmeckt es auf der Zunge, fühlt es im Bauch, kackt es am nächsten Tag in die Kloschüssel, um dann wieder von vorne zu beginnen.
Ein Wettrennen, ein sinnloses Wettrennen. Manchmal will er nicht mehr, einfach nicht mehr weiter, egal, was die Ampel auch zeigt; er möchte einfach stehen bleiben. Aber das sind Augenblicke, die niemand sehen kann.
Am Tisch gegenüber schwatzen einige Frauen. Sie unterhalten sich über das gestrige Fernsehprogramm.
Der Doktor versucht seine Ohren nach innen zu schlagen, aber es gelingt ihm nicht.

krimipapst_350.jpg

Und dann, es scheint ihm, als wäre nur ein Lidschlag vergangen, sitzt er in dieser Buchhandlung und lächelt sein breitestes Papstlächeln in die Runde der Gläubigen.
Alle sind gekommen: Martin, Rita, Jörg, auch die dämliche Susanne, die er nun herzlich in seine Arme schließt, um sie zu ihrem neusten Krimi zu beglückwünschen, der, da sind er! und Andreas sich bereits einig, keinen Widerhall in ihren künftigen Besprechungen finden wird. Aber als Kuh, er schämt sich da nicht für seine Gedanken, als Kuh macht sie sich prächtig auf seiner Internetwiese, denn das Magazin, in dem er sich gegenwärtig austobt, erscheint nur online.
Früher war alles besser, da gab es diese Freiheit noch nicht, die jeden Schnösel zu einem Kritiker erklärte. Da kam es noch auf Beziehungen an, die man hatte, oder eben nicht hatte.
Er blickt sich um, und tatsächlich, für Sekunden erblickt er statt einer Buchhandlung eine Wiese, darauf sich seine Schäflein tummeln.
Der Doktor schließt die Augen, rasch, denn er will kein Opfer übertriebener Fantasie werden, zumal er es doch ist, der den Realismus, der dem Krimi abhanden gekommen scheint, beklagt. Oder ist es Andreas, der sich erst neulich in einer Kolumne dazu äußerte?
Er weiß es nicht. Sein Hirn scheint in Unordnung geraten zu sein. Drum nickt der Doktor aufgeregt, und dies, obwohl niemand etwas gesagt hat. Er will doch nur die Dinge in seinem Kopf ordnen.
Sein Vieh blickt ihn erstaunt an.
Der Doktor schweigt und denkt darüber nach, diese Herde notschlachten zu lassen.
Sein Leben verlangt nach einer Veränderung.
Boris, der seit Jahren bekannt für seine pornografischen Krimis ist, betritt den Laden und lächelt ihn an. Der Doktor breitet sein Grinsen aus. Darunter können sie schlüpfen, auch wenn es nur für diesen Abend ist.

Und dann ...
... ist es wieder Nacht.
Der Doktor liegt neben seiner Frau, die, da sie genug Geld in die Ehe einbrachte, schon früh von ihm zur geeigneten Partnerin erkoren wurde. Sie gab ihm, was er brauchte: Zeit.
Das Studium. Einige Verlage. Rezensionen.
Einer wie er hat Zeit, sich zu allem zu äußern: Comics, Science-Fiction, Musik, Krimis.
Er horcht auf ihren Atmen, auf die Unregelmäßigkeiten dieses furchtbaren Schnaufens, das er seit so vielen Jahren satt hat.
Satt?
Nein, er ist nicht satt, er hat Hunger und darum steht er nun auf und schiebt seinen Körper in den Flur hinaus. Dort bleibt er stehen, ohne zu wissen warum.
Er rührt sich nicht, weicht keinen Millimeter von der Stelle. Es könnte sein, so denkt er, dass ich an einer roten Ampel stehe.
Er blickt sich um, aber da ist nichts. (Selbstverständlich nicht.)
Der Doktor friert und wundert sich nicht darüber.

Guido Rohm

12. März 2012

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