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Das Ich im Wir. Neue Polizeiromane von Georg Haderer und Roger Graf

Nirgendwo wird so viel gegrübelt wie in Polizeikrimis. Verständlich, verfolgen wir doch Menschen bei ihrer täglichen Arbeit, auf dem tastenden Weg zur Erkenntnis, mit allen Umwegen und Sackgassen. Nicht der unfehlbare Protagonist steht im Mittelpunkt, sondern das Team. Eine Gruppe von Ichs, die eine Aufgabe in der sozialen Dynamik des Wir zu lösen haben. Polizeiromane sind deshalb immer Beziehungsromane, die von Prozessen auch jenseits der Fallbearbeitung berichten. Es sind Konstruktionen eines soziologischen Normalzustandes unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes Verbrechen. Was in diesen Teams geschieht, kennt wohl jeder von uns. Das Kompromissemachen, das Miteinanderlebenmüssen, die Unterordnung der Individualität zugunsten eines höheren, nur gemeinschaftlich erreichbaren Ziels. Seit geraumer Zeit lässt sich beobachten, dass diese Konstruktionen immer zugespitzter daherkommen. Die Polizisten-Helden haben nicht nur „Probleme“, sie sind psychisch krank und unterscheiden sich somit nur noch graduell von denen, die sie aus dem Verkehr zu ziehen trachten.

Sehr deutlich wird das in den Romanen des Österreichers Georg Haderer. Sein letzter, „Engel und Dämonen“, beginnt damit, dass wir den Polizeimayor Schäfer durch den Wald irren sehen. Der Mann ist, kein Zweifel, schwer traumatisiert, er taumelt auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Wahn. Aus den früheren Büchern Haderers wissen wir, dass Schäfer unter bipolaren Störungen leidet, manisch-depressiv ist und die Balance nur medikamentös unterstützt halten kann – wenn er denn die Tabletten regelmäßig nähme. Was er natürlich nicht tut. Jetzt also ist er verschwunden, seine Kollegen sind beunruhigt und Chefinspektor Bergmann, Schäfers Stellvertreter und irgendwie auch Vertrauter, macht sich auf die Suche.

Dabei hätte er anderweitig genug zu tun. Illegale Hahnenkämpfe, ausflippende Rassisten, Rotlichtmilieu: an Arbeit mangelt es nicht. Bergmanns Motivation jedoch ist nicht nur professioneller Natur. Er muss Schäfer finden, weil er sich selbst finden will. Die Beziehung ist problematisch. Schäfer gilt als eine Art Heiliger, ein Übermensch mit merkwürdigen, kaum rational zu fassenden Methoden. Charismatisch eben. Bergmann bewundert ihn – und fühlt sich andererseits von ihm abgestoßen. Ach ja, Bergmann ist schwul, was ja leider auch nicht unproblematisch ist.

So entwickelt sich die Suche nach Schäfer zu einem spannenden psychischen Erkenntnisprozess, der letztlich um die Frage der Verführbarkeit, der Manipulation kreist. Denn Schäfer steckt mitten in einem Fall von Verschwörung, geplanten Attentaten einer obskuren Sekte. Er ist Verführter und Verführer zugleich, Engel und Dämon. Der Roman lebt von solchen Parallelen, hier das Ich, dort die Gruppe, aber auch von der tastenden Entwicklung in der Beziehung der beiden Protagonisten. Das erzeugt eine Spannung jenseits der Krimispannung – und ÜBERzeugt auch, nicht zuletzt durch Haderers biegsame Sprache und sein Gespür für angemessenen Humor, der die Dramatik verdeutlicht und nicht in Gelächter auflöst.

Verglichen mit Schäfer ist Roger Grafs Protagonist, der Polizist Damian Stauffer, geradezu eine Ausbund psychischer Gesundheit. Seine Probleme erschöpfen sich im Beziehungsallerlei oder im Ungefähren kritischer Weltbetrachtung. Das gilt auch für seine Kolleginnen und Kollegen, allesamt „normale Menschen“. Sie mögen Alkoholprobleme haben, mit ihrer Arbeit unzufrieden sein, ihr Leben ändern wollen – wirklich „krank“ sind sie nicht. Diesen Part überlässt der Schweizer Graf seinen „Bösewichten“.

Alles beginnt damit, dass eine Spaziergängerin eine abgetrennte rechte Hand findet. Sie gehört zu einem Selbstmörder, nur wird sie erst Wochen nach dem Suizid und an einem weit entfernten Ort aufgefunden. Also doch kein Selbstmord? Oder ein perfides Spielchen? Man rätselt. Und arbeitet. Hypothesen werden aufgestellt und wieder verworfen, dann geschieht ein „richtiger“ Mord, es ergeben sich Zusammenhänge zum Fund der rechten Hand. Und neue Hypothesen…

Das alles klingt nach old school, nach dem klassischen Polizeiroman und ist es auch. Was Grafs Roman aus der Menge hebt, ist zweierlei. Erstens: die Art und Weise, wie er uns an der Nase herumführt. Auch hier wähnen wir uns rasch in einer Verschwörung, es wird mit Attentaten gedroht, das Böse redet selbst, wir sitzen in seinem Kopf. Und das Böse, kein Zweifel, ist psychisch krank. Wie Haderer arbeitet auch Graf mit dem Täter-Opfer-Schema und, was die Polizeiarbeit anbetrifft, mit den Zwängen des Individuums in der Gruppe. Zweitens: Graf tut etwas, das man eigentlich nicht tun sollte. Er schweift ab und eröffnet Fronten, an denen dann doch nicht weitergekämpft wird. Jene Spaziergängerin etwa, die beim Ausgang mit ihrem Hund die Hand findet, ist in psychischer Behandlung, sie leidet an Depressionen. Auch das Pärchen, das später auf die Leiche eines Erstochenen stößt, wird uns nahegebracht. Zwei Menschen, die sich in die Welt der Reichen und Schönen träumen und kein wichtigeres Ziel zu haben scheinen, als einmal in einem mondänen Hotel zu wohnen. Das alles gehört nicht zur eigentlichen Handlung – und schafft es doch, die Welt zu kommentieren, in der diese Handlung stattfindet.

Die Polizeiromane von Georg Haderer und Roger Graf überzeugen also. Vor allem, weil sie mit dem Pfund dieses Subgenres wuchern, der Beschreibung des steinigen Wegs zur Erkenntnis, der Gruppendynamik und der Rolle des Ichs in diesem Wir. Daneben jedoch arbeiten sie auch an den Bausteinen des Polizeiromans, polieren neue Facetten heraus. Dramaturgisch gekonnt und psychologisch überzeugend.

dpr

Georg Haderer: Engel und Dämonen. Haymon 2012. 392 Seiten. 19,90 €


Roger Graf: Die rechte Hand. Pendragon 2012. 378 Seiten. 19,95 €


(Hinweis: Wegen der unsicheren Rechtslage veröffentliche ich hier Buchcover nur noch dann, wenn mir der Verlag ausdrücklich versichert, dass im Falle der Nicht-mehr-Lieferbarkeit der besprochenen Titel kein Copyrightproblem auftritt. Dafür gibt es nun, falls vorhanden, Links zu den entsprechenden Verlagsseiten.)

23. Oktober 2012

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